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M’era Luna 2026 – Zwischen Nostalgie und Moderne

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Ein weiteres Jahr ist vergangen. Die Fans von Gothic, Mittelalter, Darkwave und Industrial treffen sich wieder auf dem Drispenstedter Flughafen in Hildesheim für das M’era Luna Festival. Mit dabei sind wir von Zwischen-Welten. Zum dritten Mal in Folge mit der aktuellen Teamkonstellation, in der Historie gesehen jedoch schon deutlich länger. Wir erinnern uns an ein wundervolles Jubiläum im Jahr 2025, welches wirklich viele Höhepunkte gesetzt hat. Ob die 2026er Ausgabe das Potenzial hat, gleichzuziehen oder gar noch besser zu werden? Das werden wir in diesem Beitrag gemeinsam herausfinden! Schaut euch das Inhaltsverzeichnis an und genießt unseren kleinen Schmöker – wie ihr schließlich wisst, sind unsere Festival-Reviews sehr ausführlich. So gibt es zu jeder Band, die wir besucht haben eine ausführliche Situationsaufnahme mit viel Informationen. Seid ihr nun bereit, gemeinsam mit uns das M’era Luna 2026 in Textform noch einmal zu erleben? Dann let’s go!

Falls ihr sie nicht schon gesehen habt: Ein kleiner Umweg auf unsere Galerien mit vielen tollen Bildern zu den Live-Acts, der Atmosphäre und den Menschen auf dem M’era Luna findet ihr hier:

Galerie: M’era Luna Samstag – Teil 1
Galerie: M’era Luna Samstag – Teil 2
Galerie: M’era Luna Sonntag – Teil 1
Galerie: M’era Luna Sonntag – Teil 2
Galerie: M’era Luna Outfits & Impressionen
M’era Luna 2026 – Gothic Fashion Show (Galerie + Review)

Zuhause für ein Wochenende: Das Gelände

Bevor wir mit den Bands beginnen, widmen wir uns der Geografie. Das Gelände des M’era Luna umfasst stattliche 35 Quadratkilometer. Da ist es natürlich umso wichtiger, dass man die Orientierung behält. Sei es, dass eine spannende Stage Performance ruft, der Magen protestierend knurrt, oder vielleicht auch ein Notfall eintritt – es ist wertvoll zu wissen, wo welches Angebot zu finden ist. Zum Glück ist das auf dem schwarzen Festival sehr leicht.

Zum Einen sorgt der Veranstalter dankenswerterweise dafür, dass das Geländelayout jedes Jahr sehr ähnlich gestaltet ist. Stammgäste finden sich also ohnehin mit verbundenen Augen zurecht. Zum Anderen gibt es auf der Homepage und in der sehr empfehlenswerten App auch eine Übersichtskarte (in der App mit Standort-Marker), welche einen stets sicher zum Ziel führt. Ein klein wenig mäkeln müssen wir leider über das diesjährige optische Design der Geländekarte. Der verspielte Schatzkarten-Look ist optisch ein Hingucker, das klare zweckmäßige Design der Vorjahre war der Orientierung gefühlt jedoch zuträglicher.

Vergleicht man den Geländeaufbau von diesem mit letztem Jahr. bestätigt sich die angesprochene konstante Planungslinie. Natürlich finden wir wieder zwei Bühnen vor: Eine Main Stage und eine Club Stage primär für die knüppelnden Electro-Acts. Laut Angaben des Veranstalters sind vier Trinkwasserstationen über das Gelände verteilt, 40 Essensstände sorgen für das leibliche Wohl. Und für die Liebhaber von Trivia: Die eingesetzten Lichterketten umfassen eine Gesamtlänge von 8,5 Kilometern.

Insgesamt freuen wir uns auch dieses Jahr über ein übersichtliches Gelände und sehr gute Orientierung. Manche Stimmen mögen behaupten, das M’era Luna sei kein Vorreiter für Innovationen. In gewissen Punkten darf es jedoch auch gerne bei der vertrauten Struktur bleiben.

Die Bands am Samstag: Von Mortes bis Within Temptation

Samstag Vormittag: Schon bei der Ankunft am Festivalgelände sehen wir einige interessante Neuerungen im Design. Die Food-Area unmittelbar vor dem Haupteingang zum Infield wurde um eine große, bei Dunkelheit leuchtende und gelegentlich weiß rauchende Säule mit Statuen ringsum ergänzt. Auch wenn die Säule beim ersten betrachten etwas kirchlich inspiriert wirkt, heißt der weiße Rauch hier nicht, dass ein neuer Papst ernannt wurde. Aber sie stellt vor allem in der Dämmerungszeit und nachts eine schöne Ergänzung des Areals dar.

Das Wetter ist bei unserer Ankunft angenehm. Es sind etwa 25 Grad Celsius angekündigt für den M’era Luna Samstag. Zugegeben wird sich diese Gradzahl im Laufe des Tages dann doch deutlich wärmer anfühlen. Schuld daran ist der nahezu wolkenlose Himmel sowie eine Sonne, die wirklich unermüdlich scheint. Ob es heute schon die ersten Sonnenbrände geben wird? Wir sind jedenfalls mit viel Sonnencreme (und die Hälfte von uns immerhin mit Hüten) ausgestattet und somit bestens vorbereitet.

Wir vernehmen übrigens bei unserem ersten Schlendern auf dem noch leeren Infield einige Veränderungen. So ist die Trinkbrunnen-Zone in der Nähe des Pressezelts ein wenig nach hinten gewandert. Am vorherigen Standort stehen nun Tische mit Schirmen und Sitzbänken. Abseits davon ist der erste Blick über die Wiese, welche bald mit zehntausenden Besuchern gefüllt sein wird ein wahrlich vertrauter Anblick. Das M’era ist mittlerweile doch ein Stück weit Homecoming-Feeling für uns. Kommen wir nun aber zum wichtigsten: Den Acts des Samstags.

Mortes

Etwas oldschoolig rockig, ein verruchter Sound und vampireskes Auftreten: Mortes aus Stuttgart eröffnet als Erstes die Main Stage auf dem M’era Luna 2026. Der Musiker und Produzent, der sich als „Herzog der Finsternis“ bezeichnet, ist erst seit 2023 im Musikbusiness unterwegs und daher ein noch sehr unbeschriebenes Blatt. Gar nicht so unbeschrieben ist aber der liebevoll melancholisch rhythmische Stil seiner Songs – eine Mischung aus Post Punk und Dark Wave. Genau diese Mischung ist es auch, die den Songs eine gewaltige Portion The Cure und Joy Division Vibes gibt. Damit einhergehend auch das Feeling, als würde man sich spät abends in einem Gothic Club im Jahr 1986 befinden.

Das Publikum verhält sich während des Auftritts relativ ruhig, ist aber vergleichsweise deutlich größer als bei den Openern der letzten Jahre. Wir sehen einige Menschen sanft zum basslastigen, eher langsamen Beat mitwippen, langsames Tanzen und schon für die erste Band des Tages einen echt guten Applaus. Ein wenig Action gibt es trotz des kurzen Slots auch: Begleitet wird Mortes von seiner Band, einer Tänzerin, die mit ihren Tanzeinlagen das Club-Feeling noch etwas verstärkt sowie dem ein oder anderen Requisit – zum Beispiel ein Schwert in der Hand beim Song „Fight (We Die Tonight)“ mit seinem passenden Songtext „Taste the blood on my sword“. To be honest? Einer der besten Opener, die wir auf dem M’era Luna bisher gesehen haben.

Beyond Obsession

Die deutschen Synthpopper aus dem Nordosten Deutschlands begeistern das Publikum gekonnt mit den größten Hits ihres jüngeren Schaffens. Von Beginn an gefällt uns der sehr gut abgestimmte Bass, der die Beine des Publikums niemals stillstehen lässt. Die für das Genre unüblich hohe Singstimme von Frontmann Upahl sorgt für einen angenehmen Kontrast, und trotz seiner Stimmlage wird ordentlich Power von der Bühne auf die wogende Menge übertragen.

Kredenzt bekommen wir unter anderem die titelgebenden Tracks der letzten beiden Alben: “In My Blood” (2026) gibt sich sehr tanzbar und verbreitet sofort positive Energie. „Kings of Ashes“ (2024) ist ein gemeiner Ohrwurm mit Futurepop-Attitüde. Dafür, dass die Formation laut Ansage von Upahl das erste Mal auf dem M’era Luna gastiert, legt sie einen ungeniert unterhaltsamen Auftritt hin.

Da der Slot am Samstag vormittag leider begrenzt ist, verabschieden sich die Künstler dann auch schon passend mit dem Track „The Great Goodbye“. Bis zuletzt spürt man die gute Laune der Band, und sicherlich wäre auch das Publikum von zukünftigen Auftritten auf dem schwarzen Festival angetan.

Xandria

Man kann es bereits beim Anblick der recht großen Publikumsmenge erahnen: die deutschen Symphonic Metal Helden von Xandria haben definitiv einen zu frühen und kurzen Slot erhalten. Es ist 11:40 Uhr und die Menge jubelt ausgiebig, als das epische, orchestral gehaltene Intro der Bielefelder von der M’era Luna Main Stage ertönt. 23 Jahre ist es her, seit der Female Fronted Act das letzte Mal zu Besuch war. Seitdem hat sich nicht nur das Festival weiterentwickelt, auch die Band hat eine Menge Veränderungen durchgemacht. Zu diesen gehören beispielsweise der Schritt von normalem zu Soprangesang und einem allgemein härteren Soundbild sowie natürlich einige personelle Wechsel an den Instrumenten und am Mikrofon

Ambre Vourvahis ist die Dame, die seit 2022 am Mikro steht und den Songs von Xandria eine Stimme gibt. Spoiler: Und was für eine Stimme! Ambre scheint die perfekte Wahl gewesen zu sein, da sie die Elemente aller Äras der Band in Perfektion beherrscht und mit ihren (live sehr überzeugenden] Screams die Musik von Xandria um ein gutes Stück bereichert. Die Band harmoniert gut auf der Bühne, interagiert viel mit dem Publikum und erntet zurecht viel Jubel.

Leider reicht das nur 30-Minütige Set nicht aus, um die vielseitige Bandbreite an epischer Musik aus Xandrias Diskografie abzudecken. Der Fokus liegt aber klar auf dem erst kurz vor dem M’era Luna erschienenen Album „Eclipse“, welches drei der insgesamt fünf Songs abdeckt: Neben den im ZW-Radio schon oft gespielten Singles „The Shannon’s Home“ und „Colours“ den Titeltrack zum Album, welcher bei diesem Auftritt sogar sein Live-Debüt feiert. Fans der alten Schule freuen sich über die von Ambre wirklich sehr gut gesungene Version des zeitlosen Klassikers und Mainstream-Hits mit hohen Chartpositionen „Ravenheart“. Abgeschlossen wird das Set mit dem 2014er Sopran-Banger „Nightfall“. 

Unser Fazit? Nun, wir haben vermutlich noch nie einen so langen Text über die zweite Band auf der Main Stage verfasst – aber man muss auch echt sagen, dass Xandria einen größeren Slot später am Tag mehr als verdient hätten. Wir hoffen, dass wir das nächste Mal mehr Xandria sehen. Okay, eventuell tun wir das bereits im Herbst auf der Tour – zum Beispiel beim Halt in Stuttgart am 21.10.2026.

Principe Valiente

Nicht nur Mortes sind hörbar von The Cure beeinflusst worden, sondern auch die Schweden von Principe Valiente. Mit ihrer Mischung aus Post Punk, Dark Pop und Shoegaze treffen sie genau den Nerv, der auch den legendären Briten zu jahrzehntelangem Erfolg verholfen hat. Den Charme des frühen 80er Jahre Tunes, das nostalgische Feeling und die Atmosphäre, als wäre man auf einem Abschlussball 1983 geben der Musik von Principe Valiente eine ganz besondere Magie, welche nur schwer in Worte zu fassen ist.

Der Auftritt ist etwas verträumt, mit seichtem hin- und Herwippen zur relativ sanften Musik und einer gewissen Melancholie verbunden. Letzteres ist in diesem Sinne kein Kritikpunkt, es ist ein Stilelement, das den Auftritt begleitet und ihn genau zu dem guten Gefühl verhilft, welches man als Zuschauer im Publikum vernimmt. Es ging doch fast jedem von uns schon einmal so, dass man mit Musik verbundene Melancholie einfach hat genießen können, oder? 

Wir jedenfalls sind entzückt den Klang der vergangenen Jahrzehnte in einem moderneren Gewand, aber mit derselben Intensität von der Club Stage zu hören – mit einem kühlen Getränk in der Hand, in Erinnerungen schwelgend und zumindest für eine kurze Zeit vergessend, dass wir bereits das Jahr 2026 haben.

Tabernis

Die großen Schlachtschiffe der Mittelalter-Szene – zu nennen wären hier zum Beispiel In Extremo, Subway to Sally (waren letztes Jahr zu Gast) oder der diesjährige Headliner Saltatio Mortis – bewegen sich mittlerweile gefühlt in einem sehr ähnlichen Klangspektrum. Es bleibt wohl nicht aus, dass kommerzieller Erfolg auch mit einer gewissen kantenlosen Geschliffenheit und einem Zug zur Massentauglichkeit einhergeht. Umso erfrischender ist der Eindruck von Tabernis, die mit ihren ritualistischen Elementen und dem Bienenschwarm als übergeordnetes Thema einen individuellen Ansatz in die Welt der Dudelsäcke und Trommeln transportieren.

Gleich zu Beginn merkt man, dass der Auftritt sich abhebt: Die Bandmitglieder treten in weißen und schwarzen Kutten auf. Ihre Gesichter sind von einem Korbgeflecht verdeckt, welches an Bienenkörbe erinnern mag.Vor der Bühne weht als dekorative Verstärkung ein weißes Tabernis-Banner.

Wir werden begrüßt von sonorem Bassbrummen und einem live gespielten Cello in tiefer Tonlage. Es ist nicht weit hergeholt anzunehmen, dass hier die Geräuschkulisse des themengebenden Bienenstocks musikalisch aufgegriffen wird. Trommeln und ein Dudelsack mischen sich in die Klangkulisse mit ein. Das Tempo schwillt an und aus dem mystischen, doch geschäftigen Brummen wird ein tanzbarer Song. Das trotz des experimentellen Themas zahlreich erschienene Publikum klatscht angetan im Takt. Beschwörend verkündet die Band mit technisch tief verzerrter Stimme dann auch “Today, you are the swarm!” Nennenswerte Parts mit Gesang oder Sprache gibt es während der gesamten Aufführung übrigens nicht, die Präsentation gestaltet sich instrumental.

Im Gesamteindruck hinterlässt die belgische Bienenband gemischte Gefühle. Man kann den Eindruck gewinnen, dass die präsentierte Liedkunst stets auf das gleiche Pferd setzt – mittelalterliche Klänge gepaart mit tiefem Bass und schnellen Beats, eingerahmt von langsameren Passage zum Anlauf nehmen für die nächste Tanzeinlage. Es drängt sich hier das Gefühl auf, eine Art “Mittelalter-House” präsentiert zu bekommen. Die Lieder sind tanzbar und funktionieren, doch hinterher bleiben akustisch kaum Highlight-Momente in Erinnerung. Allerdings: Die schwarze Menge hat ordentlich das Tanzbein geschwungen und deutlichen Jubel verklingen lassen. Und die einzigartige Präsentation von Tabernis hat einen ganz eigenen Charme, der ihre Kunst, wie eingangs angesprochen, angenehm von der Masse abhebt.

Auger

Schon seit fast zehn Jahren beglückt uns die Darkrock-Band aus UK mit ihren musikalischen Werken. Und so verfällt das Publikum beim Auftritt der Formation auch von Anfang an in einen Jubel, der nicht mehr gebrochen werden sollte.

Ein Highlight des Auftritts ist sicherlich der Vortrag von “Where Do We Go?”. Der Song liefert zum einen markerschütternde Drums, die sich stimmig mit rockig-fetzigem Gitarrensound paaren. Ein wenig Grunge schleicht sich ebenfalls in die Performance. Man hat fast den Eindruck, einem eingängigen Werbesong für ein Lifestyle-Produkt zu lauschen – was hier ausdrücklich positiv gemeint ist, denn der Refrain sollte noch lange in unseren Ohren verweilen. Von Anfang an beweist Frontmann Kyle Blaqk zudem eine beeindruckende vokale Range.

Dass Auger auch elektronisch können, beweisen sie mit der Performance von “Dark Clouds”. Der treibende Synthbanger mit dem markanten Beat lässt die schwarze Menge beherzt das Tanzbein schwingen. Immer wieder heizt die Band ihre Fans mit Ansagen und Animationen weiter an, was mit Jubel und Beifall dankbar quittiert wird. Selbst als eine kleine technische Komplikation auftritt (ein Thema, das sich auf der Club Stage leider noch wiederholen sollte), verkündet Blaqk unbekümmert: “We’ll have to make up for it!”. Sympathisch!

Unzucht

Es breitet sich Spannung im Publikum aus, als auf der Bühne brodelnde elektronische Strikes zu hören sind. Dabei handelt es sich um die Vorboten des ersten Unzucht Songs „Neon Dom”. Das Infield ist gut gefüllt und schaut aufgeregt in Richtung Bühne. Für viele ist es dieser Moment der erste Live-Berührungspunkt mit dem neuen Sänger Timm Hindorff, welcher seit 2024 den zu Oomph! gewechselten Daniel Schulz ersetzt. Der erste Eindruck wird zunächst getrübt: Die Stimme wirkt verzerrt und nicht ganz passend – ein kleines, technisches Problem, welches aber zum Glück recht schnell behoben wird. Unser erster Eindruck? Der Gesang wirkt mit Timm deutlich melodischer als zuvor. Hat man vorher einen Lauscher in das im Mai 2026 erschienene Album gewagt, ist das aber keine große Überraschung. Der Longplayer trägt übrigens denselben Namen wie der Opener-Track.

Der neue Sänger wirkt während der ersten paar Songs zunächst etwas zurückhaltend. Die Menge ist jedoch direkt mit Herzblut dabei. Es herrscht Feierstimmung, viel Jubel und Wertschätzung für die Musik der Dark Rock / Alternative Metal Band aus Hannover. Was uns auch direkt auffällt, ist die herzliche, fröhliche und vor allem warme Art, wie Timm mit den Leuten zwischen den Songs interagiert. Es wundert keinen, dass das zunächst etwas zaghafte Auftreten schnell auftaut und einer enormen Energie weicht. Ein Beweis dafür ist die energische Introduction „Ist euch warm? Wir heizen euch noch weiter ein mit dem Feuerregen!” vor dem gleichnamigen Song – definitiv das Highlight des Sets.

Wir finden, dass ein Auftritt von Unzucht mit neuem Sänger definitiv einen Besuch wert ist – die Chance dazu bietet sich im Herbst, wenn die Band auf Tour geht. Dort hat man eventuell sogar die Chance, einige ältere Stücke der Dark Rocker zu genießen. Denn hier kommt die kleine Kritik, auf die wir dank unserer radiobedingten Vorgeschichte mit einem weinenden Auge sehen: Es wurde tatsächlich keins der alten Lieder gespielt. Der Fokus der Setlist lag auf dem neusten Album „Neon Dom” sowie dessen Vorgänger „Jenseits Der Welt” von 2020.

M. Walking On The Water

Am sonnigen Nachmittag betreten die Experimentalrocker von M. Walking On The Water in komplett weißer Kluft die Club Stage. Direkt bei den ersten Takten von “Elysian” wird der Zuhörerschaft klar: Hier erwartet sie kein glatt geschliffener Gefälligkeitssound. Elektrische Gitarren, tragende Synths mit eingewobenen Pianoklängen und ein prominentes Schlagzeug werden vom Sprechvortrag des Frontsängers Markus Maria Jansen begleitet. Gefühlt geben sich die Drums während der Performance etwas dominant, was der extravagante Sound aber gut kompensiert. Der Anreißer wurde dann auch mit einigem Jubel quittiert. Jansen begrüßt die Menge mit einem herzlich-trockenen “Guden Middach”.

Weiter geht es dann mit dem rocklastigeren “Cosmic Weirdos”. Der Song transportiert einen chilligen Groove, büßt jedoch dank des Sprechvortrags nichts an experimentellem Charme ein. Das Publikum zeigt geteilte Reaktionen. Einige Abgänge sind zu verzeichnen, andere Besucherinnen und Besucher wiederum erfreuen sich sichtlich an der Performance.

Mit der Hymne auf die uns unbekannte “Linda Lee” schlägt der Auftritt nochmal eine leicht veränderte Richtung ein. Die Streicher treten in den Vordergrund und Jansen verwöhnt uns nun mit melodischen Gesang, welches die Darbietung ein wenig näher an den breiten Geschmack führt. Dennoch ist zu beobachten, dass trotz der immer noch guten Publikumspräsenz wenig Bewegung in die schwarze Masse kommt. Ein wenig verwunderlich für uns, da sich die Formation mit jedem Song gefühlt tiefer ins geneigte Ohr spielte. Wir sind uns jedenfalls sicher, dass die immerhin seit über 40 Jahren aufspielende Band auf dem M’era-Luna-Festival eine gute Zeit hatte.

Hocico

Südamerikanische Härte zieht auf das M’era Luna ein, als die EBM/Industrial-Legenden von Hocico auf der Main Stage auftreten. Gewandet im leicht schamanistischen Stil und begleitet von Tänzerinnen in unterschiedlich verspielten Outfits. Für Action auf der Bühne und im Ohr ist also gleichermaßen gesorgt.

Direkt zum Anfang wird das Ensemble mit viel Jubel begrüßt – eine solide Fanbasis war also am Start. Ungezügelte Shouts zum rassigen Elektrobeat werden von stetiger Animation des Publikums abgelöst: “Raise your hands!” Und siehe da, viele blasse Hände reckten sich gen Himmel.

Die harten Rhythmen und der äußerst clubtaugliche Synthsound lädt wirklich jede schwarze Gestalt zum Mitwackeln ein. Das Infield füllt sich stetig und Hocico tritt den Beweis an, dass sie sich die Bretter der Main Stage mit Fug und Recht verdient haben. Jeder Track gibt sich tanzbar und doch mystisch-individuell. Die Bühnenshow tut ihr Übriges, um die lateinamerikanischen Tanzgeister zu beschwören. Die stetige Animation des Publikums tut ihr Übrigens, um die Crowd nicht nur aufgrund der Mittagssonne kochen zu lassen.

Diorama

Mit fünf Minuten Verspätung aufgrund von Tonproblemen treten die Szene-Urgesteine von Diorama auf die Club Stage. Zum Start umwogt uns der sehr rhythmische Beat von “Why”, und die Menge nimmt die musikalische Einladung zum Mitwackeln umgehend dankbar an. Den eingängigen Refrain verstärkt eine geschmeidige Synthline, die den Vortrag des Sängerduos noch einmal angenehm auf ein akustisches Podest hebt. Das Stück gibt sich insgesamt sehr tanzbar, und das rhythmisch klatschende Publikum schließt sich offensichtlich unserer Meinung an.

Das Thema “Künstliche Intelligenz” des nächsten Songs wird uns humorvoll angekündigt: „KI ist nicht perfekt, wie unser Soundcheck. Ich hoffe, es ist jetzt alles okay. Wenn nicht, trinkt es

euch schön.“ Geistige Getränke braucht das Publikum wahrlich nicht, um die Darbietung von “The Same Ghost”. Der stimmungsvolle Synthpopper bringt die schwarze Meute zum Tanzen, und die ausklingenden Töne werden mit lautem Jubel quittiert.

Auch eine Perle aus dem aktuellen Album “A Substitute For Light” (2026) wird uns kredenzt. Mit “More Gold” beweist die Band, dass sie auch nach rund 30 Jahren Bandgeschichte nichts an Biss verloren haben. Ein harter antreibender Elektrosong mit dominanten Drums erfüllt das Infield. und die Leidenschaft in den Stimmen des Gesangsduos beweist, wie sehr die Formation auch heute noch für ihre Kunst brennt.

Combichrist

Okay, ein wenig kribbelt es schon in den Beinen, kurz bevor Combichrist die Bühne betreten. Wir erinnern uns an das M’era Luna 2024 – damals haben Combichrist mit einem rein elektronsichen Oldschool-Set die Club Stage so dermaßen zum Beben gebracht, dass unser halbes Presseteam nicht still stehen bleiben konnte und mit der Menge getanzt hat. Wir würden sogar so weit gehen zu sagen, das Combichrist im Jahr 2024 das absolute Highlight waren. Entsprechend hoch sind aber auch die Erwartungen jetzt, wenn die US-Amerikaner aus Atlanta einen deutlich längeren Slot auf der Main Stage haben.

Der Unterschied zu damals: Aus rein elektronischem Aggrotech der frühen Jahre wurde im Laufe der Zeit eine Band, die sich auch zunehmend am Metal versucht. Seit spätestens 2016 ist der Klang so deutlich metallischer, wenn auch immer noch sehr elektronisch. Dieses Jahr treten Combichrist als Band auf, nicht mit einem Oldschool-Set wie vor zwei Jahren. Ob das unsere kritischen Stimmen befriedigen kann?

Long story short: Fuck yes! Die Amerikaner bringen die im Vergleich zu 2024 mindestens dreimal so große Menge richtig heftig in Wallung. An der Front, in der Mitte aber auch an den Flanken und hinten sieht man die Leute tanzen, springen und sich rege zur bassgetriebenen Musik bewegen. Mastermind Andy LaPlegua ist dabei dasselbe Energiebündel, dass uns schon vor zwei Jahren zum Mitmachen animiert hat. „Are you ready to dance with us?” ruft er mit Elan in die Menge und erntet eine ordentliche Resonanz. Neben der qualitativ hochwertigen Livequalität ist die bloße Bühnenpräsenz von Andy einer der Faktoren, die Combichrist zu dem hervorragenden Act machen, der sie sind. Bravo!

Wirft man einen Blick auf die Setlist, findet sich viel vom kürzlich vor dem M’era Luna 2026 erschienen Album „The Venom In The Mouth Of God”, welches mit vier Songs vertreten ist. Darunter die Single „Rise”, welche auch eins der Highlights des Sets ist. Ein weiteres Highlight ist – wie schon 2024 – der Klassiker „Get Your Body Beat”, bei welchem es einfach kein Halten mehr gibt. Jeder bewegt sich. Jeder hat Spaß. Jeder macht Party. Und genau das finden wir absolut erstklassig – auch beim zweiten Mal.

The Beauty of Gemina

Als Ersatz für den kurzfristig ausgefallenen Künstler Veljanov treten The Beauty of Gemina auf der Club Stage des M’era Luna an. Die Band leitet stimmungsvoll ein mit “Dreams of a Vagabond”. Beim Sound der rockigen Gitarren und der entspannten Singstimme von Frontmann Michael Sele rinnen jedem Altgrufti schwarze Tränen über die Wange. Leider setzt die Band gefühlt auf einen etwas zu prominenten Halleffekt in der Stimme, welchen ein Sänger wie Sele sicher nicht nötig hätte. Insgesamt geht der Sound sehr in die emotional-dunkle Richtung der älteren Schule, und würde wohl auf jeder Ü40-Party der schwarzen Szene die Tanzfläche füllen.

Noch nicht zu Ende ist es beim Vortrag des Tracks “End”. Deutlich dynamischer kommt die Performance diesmal daher, was nicht zuletzt an den stimmigen elektronischen Elementen liegt. Im Mittelteil wird der Song um einen interessanten metronomartigen Sound angereichert. Spätestens jetzt zuckt das Tanzbein des Publikums. Sehr oldschool wird das Lied dann mit einem ausklingenden Trommelwirbel beendet – pure musikalische Nostalgie.

Den Bogen zum Auftakt schlägt die Liechtensteiner Formation mit dem Vortrag von “One Step To Heaven”. Entspannter, leider immer noch von Hall durchtränkter Gesang mischt sich mit düsterschönen Gitarrenriffs zu einer wohltuenden Woge aus altehrwürdigem Düster-Rock. Insgesamt zeigt das Publikum nicht so viel Enthusiasmus wie bei dem energetischen Auftritt von Diorama. Das mag allerdings auch daran liegen, dass die Musik von The Beauty of Gemina weniger auf das Tanzbein, sondern mehr auf die Seele abzielt.

The Birthday Massacre

Mit The Birthday Massacre hat das M’era Luna 2026 eine kleine Rarität in unseren Breitengraden gebucht. Zugegeben… unser Herz schlägt wirklich deutlich höher. Warum? Die Musik der kanadischen Synth-Rock Band ist einfach herzerwärmend, nostalgisch, frisch und doch irgendwie absolut zeitlos. Das letzte Mal waren TBM übrigens 2022 auf dem Amphi Festival und einer ausgewählten Club-Show in Deutschland. Die letzte große Tour bei uns liegt schon ganze neun Jahre zurück. Der Plan ist also, sich frühzeitig bereitzustellen, um ja jede einzelne Sekunde des Auftritts zu verinnerlichen.

Und was sollen wir sagen… außer, dass es sich mehr als nur gelohnt hat? Die Kanadier um Frontfrau Chibi haben mit 14 Songs ein breites Spektrum aus insgesamt 27 Jahren Bandgeschichte mit im Gepäck, bei dem jedes Album angespielt wird. Quasi eine Art wahrwerdender Traum für alle, die noch nicht das Glück hatten, TBM live zu sehen. Entsprechend schwer ist es, sich einige Highlights herauszupicken da einfach dank des persönlichen Geschmacks jedes Lied ein Stück weit als Höhepunkt zu deklarieren ist. Wählen wir aber mal die (schon vor der Performance bestehenden) Lieblingssongs aus, welche auf der Setlist standen: „Red Stars” (2007), „Sleep Tonight” (2025), „Precious Hearts” (2022), „Video Kid“ (2005), „Destroyer” (2014) und „Blue” (2005).

Beim Publikum herrscht großer Andrang – in Anbetracht des seltenen Besuchs aus Übersee auch nicht ungewöhnlich. Im Gegensatz zu Bands wie Combichrist oder Unzucht herrscht wenig Partypotenzial, aber das ist auch nicht schlimm. Die Musik von The Birthday Massacre ist schließlich eher atmosphärisch und liebevoll mit live gespielten Synths an die 80er Jahre Mainstream-Charts erinnernd. Mit Liebe gestaltet ist auch die Bühnenbeleuchtung, welche den Farben der Band (lila, pink, magenta) perfekt unterstreicht. Fans wissen, jedes Albumcover der Band wird seit jeher in diesen Farben gestaltet.

Vielleicht ein kleines Manko ist die Toneinstellung zu Beginn des Sets. In den ersten beiden Songs wirkt es noch nicht ganz stimmig, wird aber bis zum dritten Song angepasst und deutlich verbessert. Im weiteren Verlauf muss man anerkennend sagen, dass die Lieder in live sehr nahe an die Studioversionen kommen – ein großes Lob! Bevor wir mit der nächsten Band weiter machen, möchten wir noch ein Dankeschön an Chibi aussprechen, die zwischen den Songs mit viel Charme gepunktet hat. Wer die Chance nutzen möchte, The Birthday Massacre live zu sehen, sollte unbedingt auf die aktuellen Tourdaten achten. Im Spätherbst ist die Formation aus Toronto auf Headliner Tour gemeinsam mit Wednesday 13 in mehreren Clubs in Deutschland unterwegs.

Agonoize

Es ist sehr voll an der Club Stage. Man merkt im Publikum bereits eine gewisse aufgereizte Stimmung, die uns wie ein Déjà-vu an den 2024er Combichrist Auftritt, von dem wir bereits früher im Text gut geschwärmt haben, erinnert. Als die Berliner Aggrotech Gruppe Agonoize um Sänger Chris L. die Bühne in drückende Basswellen und energische, elektronische Musik hüllt, bestätigt es sich auch: Aggressiver Aggrotech oder Industiral funktioniert live einfach hervorragend. 

Nicht nur die Soundqualität fällt auf. Auch das Bühnenbild, welches von einem Monitor mit wechselnden, passenden Motiven die Musik unterstützt lässt das Konzept ausgefeilt und stimmig aussehen. Die Stimmung ist ab der ersten Sekunde ausgelassen. Es wird getanzt, gewippt, gejubelt und lauthals mitgesungen. Auch haben sich Agonoize in Sachen Show etwas gedacht und kostümierte Tänzer mit langen Hörnern, viel Fell und riesigen Masken für die Show engagiert. Fun Fact am Rande: Unsere Teammitglieder Raaki und Minamii hatten während ihrer Crowd-Tour die Chance, mit den Darstellern des Agonoize-Sets Bilder zu machen und ein kurzes Pläuschchen zu halten – sehr sympathische Jungs.

Zurück zum Topic: Die richtige Eskalation kam erst bei den beiden Songs, welche wir auch zweifelsfrei als unsere Highlights nennen. Erstens der mit einer ordentlichen Portion Aggressivität ausgestatteten Song „Femme Fatale” vom 2007er Album “Sieben” – die erste Eskalation im Publikum, welche in einen regelrechten Tanzrausch zu dem mit äußerst expliziten Lyrics gestalteten Song ausartete. Zweitens zum vermutlich größten Hit der Band „Koprolalie”, welches auf Lyrics und Aggression bezogen dem zuerst genannten Song in nichts nachsteht. Allerdings ist die Party zum 2006er Song noch einmal deutlich größer. Allein schon der Publikumschor, welcher sehr lautstark die anzügliche Songtextphrase „Fick mich” ruft.

Die Performance von Agonoize ist nach Combichrist 2024 und Centhron 2025 ein weiterer Beweis, dass aggressiver Industrial / Aggrotech live immer ein absolutes Erlebnis ist, zum Mitmachen einlädt und einfach nur Spaß macht – trotz der meistens eher kontroversen Themen der Songs.

White Lies

Die britischen Alternative Rocker beehren uns am frühen Abend auf der Main Stage. Mitreißend wird es gleich zu Beginn bei der Darbietung von “All The Best”. Ein emotionaler, anklagender Rocksong, verstärkt durch ein stimmungsvolles Synth Piano und der kraftvollen, leicht rauchigen Stimme von Sänger Harry McVeigh. Die Nummer könnte man auch gut auf einer langen Autofahrt im Radio hören.

Mehr Herzschmerz verspricht die Performance von “Hurt My Heart”. Hier offenbart das musikalische Trio seine Vielseitigkeit: Ein Trip in die 80er bescheren uns reichhaltige Synthklänge und Warp-Effekte der besten Retro-Güte. Im Finale wird die Darbietung dann noch einmal durch zünftige Gitarrenriffs in Brand gesetzt. Eingeleitet wird der Abschnitt übrigens mit einer Ansage von McVeigh: „You guys have fun, that is the most important experience in life!“ Da können wir uns nur anschließen, und das zahlreiche Publikum sieht das wohl ebenso.

Saftige Unterhaltung bietet schließlich noch einmal der Vortrag von “Juice”. Stolz verkündet McVeigh, dass es sein Lieblingstrack aus dem aktuellen Album “Night Light” (2025) sei. Und tatsächlich besitzt die Nummer auch ordentlich Zunder. Treibende Beats werden von echolotartigen Syntheinsätzen komplementiert, und spätestens jetzt wackelt auch die schwarze Meute ordentlich mit.

Alles in allem liefert uns White Lies einen sehr runden Auftritt mit einem reichhaltigen Repertoire, welches der Main Stage absolut würdig war.

Nachtmahr

Das elektronische Soloprojekt von Szene-Mulittalent Thomas Rainer (u.a. L’Âme Immortelle, Siechtum) beehrt die Club Stage zur Prime Time am Samstag. Sehr unverblümt eröffnet Rainer mit der musikalischen Aufforderung “Beweg dich!”. Ein sehr tanzbarer Elektro-Kracher, welcher gleichermaßen präzise wie gewaltvoll in die Kerbe großer EBM-Hits schlägt. 

Nachdem also der Teppich aus Stahl und Nieten für den Auftritt ausgerollt ist, serviert Rainer der feiernden Menge einen der größten Hits im Repertoire: Das “Mädchen in Uniform” marschiert und lechzt von der Bühne, und die Fans im Infield rasten förmlich aus. Rainer ruft mehrmals: “Mädchen, Mädchen?”, was lauthals aus zahlreichen Kehlen mit einem “in Uniform!” quittiert wird. Dieser Gassenhauer aus 2010 wird zurecht niemals alt. Die starke Bühnenpräsenz von Rainer tut ihr Übriges, um die Freilufthütte abzureißen.

Militärisch geht es auch beim Track “Sirenen” vonstatten. Die namensgebenden Warnsignale werden durch prominente, dramatische Synths repräsentiert. Der Beat schmettert immer wieder rhythmisch ins schwarze Herz, und im Publikum ist spätestens ab jetzt bis zum Ende des Auftritts Tanzbereitschaft der höchsten Alarmstufe angesagt.

In Extremo

Die bundesweit bekannte Band der Berliner Barden rund um Szene-Urgestein Michael Rhein braucht für die geneigte Leserschaft vermutlich größtenteils keine große Einführung. In Extremo präsentiert schon seit rund 30 Jahren frechen, teilweise auch nachdenklichen Mittelalter-Rock. Das mittlerweile dreizehnte Studio-Album “Wolkenschieber” erschien 2024.

Den Anfang machten die Rockrabauken mit einem Kleinod vom aktuellen Album. Das von den Skalden inspirierte “Ólafur” erschallt von der Bühne, und das bis hinten gefüllte Infield war direkt aus dem Häuschen. In Extremo beweisen sofort zu Beginn, dass sie sowohl mit traditionell verwurzeltem Liedgut. als auch modernen Krachern beim Publikum punkten können.

Wo wir gerade von Krachern sprechen: Daran mangelt es der Setlist wahrlich nicht. Schon an den ersten Takten spürt man das Wirken des “Spielmannsfluch”. Wie auch über den gesamten Auftritt hinweg wird dieser Song durch viele, sehr viele und noch mehr Pyro-Effekte untermalt. Die Menge singt lauthalts mit, alte Fans wie auch Neulinge feiern wie im Fieber.

Rockig-romantisch wird es dann bei der musikalischen Aufforderung “Küss mich”. Schmachtende Dudelsäcke transportieren eine hymnenhafte Melodie, die noch lange im Ohr bleiben sollte. Blickt man über die wogende schwarze Meute stellt man schnell fest, dass auch diese älteren Werke sehr gut beim Publikum verfangen. 

Neben der Leidenschaft für die Romantik soll auch die Hingabe zu geistigen Getränken gefeiert werden. “Sternhagelvoll” wird zunächst nur musikalisch angedeutet. Das begeisterte Publikum steigt sofort ein. Der Refrain wird von den Fans lautstark und ohne Band-Unterstützung leidenschaftlich geschmettert, und volltrunken vor so viel Hingabe zu ihrer Musik setzt In Extremo dann auch gleich an, den unterhaltsamen Mitgröhl-Song in seiner vollen Pracht aufzuspielen. Natürlich auch hier: Pyro, Flammen und Feuer satt.

Wie groß die Leidenschaft der Besucherinnen und Besucher für die Künstler war, zeigt sich auch zwischen den Songs. Als Schlagzeuger Specki vier Mal im Takt die Drums erbeben lässt, wissen die Fans ohne Worte, was von ihnen erwartet wird. “In-Ex-Tre-Mo” erschallt es aus zahlreichen Mündern. Und wieder: Bumm-bumm-bumm-bumm gefolgt von “In-Ex-Tre-Mo”. Mehr Synergie mit dem Publikum ist wohl schwer zu erreichen, und insgesamt ist der Auftritt von In Extremo dieses Jahr wohl einer der absoluten Lieblinge der Besucherschaft.

Front Line Assembly

Am späten Abend versammelte sich nicht nur die vorderste Reihe vor der Club Stage, sondern das Infield gibt sich prall gefüllt mit einer dichten Menge an düsterschönen Menschen. Jubel brandet auf, als das kanadische Elektronikduo Bill Leeb und Rhys Fulber die Bühne betritt, und schon die ersten Klänge aus den meterhohen Boxen machen klar: Hier wird es gleich richtig zur Sache gehen.

Den harten Einstieg machen wir mit “No Limit”. Ein verzerrt-gezupfter Bass mit ordentlich Wumms dahinter paart sich mit antreibenden Drums und dem düsteren Sprechgesang von Leeb. Sparsame Synths setzen besondere atmosphärische Punkte. Die Menge ist von Anfang an begeistert und man merkt: Jeder will gegen Ende des Festivalabends noch einmal richtig abfeiern.

Noch einen Gang hoch schalten die Künstler aus dem Land des wohlschmeckenden Ahornsirups mit ihrem Banger “Resist”. Der Bass drückt, die Drums ballern, und selbst die Synths fallen dringlich ins Stakkato mit ein. Auch hier ist sehr deutlich zu spüren, dass  Drums und Bass eine prominentere Rolle eingeräumt wird als melodischen Synths. Die Menge quittiert die Darbietung jedenfalls mit ausgelassenem Tanz und Jubel.

Hervorzuheben ist auch die Performance von “Big Money”. Ratternde Synths und ein unwiderstehlicher Drumbeat sorgen für wahres Clubfeeling unter dem Sternenhimmel. Frontmann Leeb verfällt hier in deutlicheren Klargesang, was dem gesellschaftskritische Text die notwendige Geltung verleiht:

„Big money, big money, big guns
Corrupted – corrupted politicians
Who’ll say anything
On their, on their way to the top“

Gerne hätten wir uns den bemerkenswerten Auftritt noch länger angesehen. Innerhalb der Zeit verführt uns allerdings die Main Stage bereits zu einem Besuch von Within Temptation – dem krönenden Abschluss für den hiesigen Tag.

Within Temptation

Kleine Verspätungen sind schick, hat uns Spongebob beigebracht. Frei nach diesem Motto beginnt das Set des Samstags Headliners ein wenig verzögert. Das mindert die Vorfreude aber in keiner Weise, handelt es sich doch um eine jener Bands, welche man eigentlich nicht oft genug live gesehen haben kann. Die niederländischen Symphonic / Alternative Metaller Within Temptation beehren das M’era Luna zum inzwischen zehnten Mal mit ihrem über die Jahre stets weiterentwickelten Live-Konzept. Die meisten Besuche hat die Band um die charismatische Frontfrau Sharon den Adel im Slot des Haupt-Acts absolviert. 

Gab es bei früheren Auftritten des Tages durchaus zu Beginn einige erst verspätete Feineinstellungen beim Ton, so stimmt bei Within Temptation ab dem ersten Moment alles. Doch bevor die Band während des Intros die Bühne nach und nach betritt, fällt der Blick zunächst einmal auf das unglaublich schöne Bühnenbild: Ein Halbkreis aus Säulen, ein wenig wie ein griechischer Tempel wirkend. Zwischen den Säulen befinden sich halbrund angereiht Monitore, um die Musik dramaturgisch mit Bewegtbild zu unterstützen. Neu ist das Konzept nicht. Bereits auf der letzten Tour durch Europa wurde diese Szenerie für den Background gewählt. Auf dem M’era Luna dürfte das Bild nach drei Jahren Besuchspause sehr frisch wirken.

Großer Jubel ertönt, als Sharon maskiert die Bühne betritt. Die Masken, die besonders zum Start der Show benutzt werden, sind in den letzten Jahren ein wiederkehrendes Stilelement von Within Temptation geworden. Der erste Song ist das makabere und aufgrund der aktuellen Kriegssituation rund um den Globus sehr mahnende Stück „We Go To War” vom letzten Longplayer „Bleed Out” von 2023. Das Lied stellt übrigens eine hervorragende Kombination aus dem alten, eher symphonischen Stil und dem neueren, alternativen und mit viel elektronischen Elementen versehenem Soundbild der Gruppe dar. Von der letzten Platte laufen neben dem Opener die Songs „Don’t Pray For Me”, „Wireless” und der im Djent-Stil gespielte Titeltrack.

Sorgen, dass man als langjähriger Fan keine Klassiker hört muss man bei WT nicht haben. DIe Band ist bekannt dafür, auch ihre alten Classics mit in ihre Live-Konzepte zu verweben. Sogar noch viel besser: Auch spielen die Niederländer gerne die ein oder andere Rarität. So findet sich auf der M’era Luna Setlist auch das lange Zeit nicht live performte Lied „Lost” vom 2011er Album „The Unforgiving”. Mit der Lead-Single „Faster” und dem treibenden Up-Tempo Song „In The Middle Of The Night” das am zweitmeisten angespielte Album. Wenn wir aber von Klassikern reden, dann natürlich vorwiegend von drei Alben: „Mother Earth” (2000), „The Silent Force” (2004) und “The Heart Of Everything” (2007) – oder auch so gesehen die goldene Symphonic-Ära der Niederländer, die ihren Stil häufiger angepasst, dabei aber stets ihr Grundprinzip erhalten haben.

Jene drei Alben sind mit „Stand My Ground”, „The Howling”, „Mother Earth” und natürlich WT’s Breakthrough-Hit „Ice Queen” insgesamt vier Mal vertreten. Wir finden ein wenig schade, dass wir „What Have You Done?” nicht hören, freuen uns aber umso mehr über die beiden besten Titel von der nach ZW-Meinung nach besten Album: „Resist” (2019). Das gänsehautverursachende „Supernova”, bei dem einem eine Träne kaum erspart bleibt sowie der wortwörtlich wie ein Komet einschlagende Comeback-Hit von 2018 „The Reckoning” funktionieren live einfach unglaublich gut. Sogar wenn bei letzterem die zweite Stimme (Jacoby Shaddix von Papa Roach) nicht anwesend war. Damit wir alle Songs einmal genannt haben, reden wir auch noch kurz über den Song „Paradise (What About Us?)” vom 2014er Album „Hydra”, welches auch ohne Gastsängerin Tarja jedes Mal aufs Neue ein Höhepunkt ist.

Wie ihr sicher merkt, ist es unglaublich schwer für uns aus dem Set ein Highlight herauszupicken, weil die Performance in Gänze einfach absoluten Diamant-Status hat. Geht es nach dem Publikum hört man anhand des Jubels („Ice Queen”, „Mother Earth”, „Stand My Ground”) oder anhand der Partystimmung („In The Middle Of The Night”, „Paradise”) sehr genau, was die Höhepunkte sind. 

Bei jedem Within Temptation Konzert ist es eine Freude zu sehen, wie charismatisch Sharon mit den Menschen umgeht. Sie witzelt, lacht und strahlt die pure Lebensfreude aus – trotz der meistenteils eher traurigeren Themen der Songs. Nostalgisch in Erinnerungen schwelgend erzählt sie so zum Ende der Show vom ersten Auftritt auf dem M’era Luna vor über 20 Jahren, damals war das Album „Mother Earth” noch ganz neu und wurde ausgiebig auf der B-Stage performt. Trotz viel Freude, Charisma und Nostalgie gibt es auch eine ernste Ansprache zum Ukraine Krieg. Im Übrigen ist der militärische Konflikt auch eine der größten Inspirationen für das letzte Studioalbum sowie einige darauffolgende standalone Singles gewesen. 

Um nach einer langen Auftritts-Review ein kurzes Fazit zu fassen: Das zehnte Mal Within Temptation auf dem M’era Luna… und wir freuen uns jetzt schon auf das elfte Mal.

Die Bands am Sonntag: Von Final Selection bis Saltatio Mortis

Nachdem uns der Samstag schon wirklich beeindruckt hat, gehen wir mit Vorfreude (und vielleicht etwas zu wenig Schlaf) in den zweiten Tag. Morgens einen Kaffee an unserem Stammstand vor dem Haupteingang trinken, kurz chillen und anschließend die Arbeit vorbereiten. Unser großer Gegenspieler? Die Sonne. Es wurden heiße Temperaturen angekündigt. Über 30 Grad zeigt das Thermometer schon vor der Mittagsstunde – es ist also noch deutlich ausgiebigeres Eincremen als bereits am Tag davor angesagt.

Schaut man durch die Crowd sieht man auch sehr gut, dass sich die Besucher auf den Temperaturanstieg vorbereitet haben: Es sind im Vergleich zum Vortag weniger Menschen in opulenten Outfits unterwegs. Der Fokus liegt mehr auf Bequemlichkeit, um den Hitzetag so angenehm wie möglich zu überstehen. Das Auge kommt jedoch dennoch nicht zu kurz. Wir haben einen riesigen Respekt vor all den Menschen, welche mit ihren kreativen Outfits das M’era Luna optisch Jahr für Jahr bereichern. Nicht nur, weil dahinter teils unglaublich viel Arbeit steckt, sondern auch, weil das Tragen einiger dieser Masterpieces einen ganzen Festivaltag lang sehr anstrengend sein kann. Doch die Mühe lohnt sich. Sind es doch gerade die kreativen Köpfe in ihrer wohl durchdachten Kleidung, welche das Bild des Hildesheimer Festivals seit jeher prägen.

Nun wird es Zeit, den Sonntag musikalisch ins Visier zu nehmen. Ein kleiner Spoiler vorab: Heute wird es schwer, ein Highlight auszuwählen. Das Line-Up, welches uns erwartet ist wirklich fantastisch. Potenziell einer, wenn nicht der beste M’era Luna Tag, den wir bisher erlebt haben.

Final Selection

Musikalisch beginnen wir den Festivalsonntag mit den zweiten Gewinnern des Newcomer-Wettbewerbs. Zumindest im Musikbusiness sind sie längst keine Grünschnäbel mehr: Bereits in den Neunzigern gegründet, kann ihr Portfolio beachtliche fünf Alben vorweisen. Nun sollte die Formation uns also unter gleißendem Sonnenhimmel für den finalen Veranstaltungstag aufwärmen.

Zunächst schickt uns das deutsche Quartett mit “Jupiters Child” aus dem 2005er Album “Meridian” auf einen Powertrip in die 80er. Stampfende Elektrobeats formen sich um Retro-Synths. Die Vocals von Sänger Riccardo Schult-Nowotny komplettieren die elektronische Komposition zu einem sehr tanzbaren Track, den man auch erstaunlich schnell mitsummen kann.

Festival-Vollprofis mit Wetter-App sind nicht überrascht: Sonntags ballert die Sonne besonders gnadenlos. Und so ergibt sich bei dem ersten Act am Tage des Herrn gerne das amüsante Bild, dass eine dicht gedrängte Crowd genau in dem gerade noch vom Bühnenschatten geschützten rechteckigen Areal steht wie schwarze Sardinen in der Büchse. Genauso ist es auch bei Final Selection – niemand will am Vormittag schon knusprig gebraten werden, aber im Schutzbereich sind die Besucherinnen und Besucher wirklich zahlreich und eng auf eng versammelt.

Die Band honoriert das Interesse mit einem ganz besonderen Schmankerl: Der noch nicht veröffentlichte Track “Wired Kingdom” wird als Nächstes zum Besten gegeben. Die Elektrohymne mit dem vollmundigen Beat geht ins Ohr und ins Bein. Wir hoffen sehr, dass ein Albumrelease mit mehr solcher Perlen vielleicht schon nächstes Jahr am Horizont erscheint.

Einen Querschnitt ihres Schaffens präsentieren uns die Künstler dann mit dem Vortrag von “Beyond My Dreams” (Album: “Siren’s Call”) und Red Line (Album: “Clockworks”). Entgegen aller physikalischen Gesetze gelingt es noch mehr schwarzen Gestalten, sich in den Schatten vor der Bühne zu zwängen. Die Darbietung findet gemessen am Timeslot zurecht eindeutig eine beeindruckende Anzahl an Fans.

Den krönenden Abschluss bekommen wir mit einer weiteren noch nicht releasten Perle kredenzt. Der Track spielt lyrisch wie musikalisch mit dem Thema der Zeit. Während Schult-Nowotny stimmungsvoll dahin kriechende Momente besingt, mischt das Keyboard einen passenden Tick-Tack-Beat in die Gesamtkomposition mit ein.

Fazit: Wenn man sich ehrlich macht, scheiden sich bei Synthpop-Acts ja immer die Geister. Die Einen urteilen, dass ja alles ähnlich klinge. Die anderen können stundenlang zu dieser Art Musik abtanzen und richtig tief in die elektronischen Klänge eintauchen. Der Autor versteht beide Perspektiven, ist jedoch der Überzeugung, dass Final Selection aus der Masse angenehm heraussticht. Die Synths und Beats sind reichhaltig und liebevoller gestaltet als bei so manchem etablierten Genrekonkurrenten. Die Vocals heben sich ebenfalls angenehm durch authentisch klingende Leidenschaft für das eigene Liedgut ab. Der Jubel der kompakt verstauten Menge spricht ebenfalls dafür, dass man sich zu Recht auf das noch unbenannte nächste Album freuen darf.

Sotiria

Die Deutschrockerin Sotiria samt sympathischer Band sollte uns am frühen Vormittag auf der Main Stage beehren. Die Sängerin, die nach der Auflösung ihrer Band “Eisblume” nun schon seit 2018 solo unterwegs ist, hat sich vorgenommen, dem stetig wachsenden Publikum mit Leidenschaft und sattem Gitarrensound ordentlich einzuheizen.

Den Anfang machen wir mit dem Vortrag von “Rubinrot” aus dem aktuellen Album “Meine Liebe ist Gift” (2025). Eine sehr stabile Rocknummer über Zusammenhalt und gegenseitige Unterstützung in schwierigen Zeiten. Leider scheint hier der Ton nicht ideal abgemischt, die Sängerin klingt unserer Wahrnehmung nach ein gutes Stück zu leise und ohne akustische Tiefen.

Weiter geht es kämpferisch mit einer klaren Ansage von Sotiria: „Ich weiß nicht, ob ihr das kennt, aber ich hatte in meinem Leben schon sehr dunkle Episoden. Wenn ihr das auch kennt, ist der Song für euch!“ Die Klänge von “Vergissmeinnicht” erschallen von der Bühne, und das anwesende Publikum feiert den Song sichtlich. Ebenfalls ein Grund zum Feiern ist die hörbare Nachbesserung der Tonqualität.

Natürlich darf auch der Track nicht fehlen, der dem aktuellen Album seinen Namen gegeben hat: “Meine Liebe ist Gift” – im Studio mit Eisbrecher aufgenommen, live ohne die NDH-Giganten nicht weniger imposant. Erwähnt wird auch, dass Sotiria dieses Jahr eine gleichnamige Tour veranstaltet – Fans sollten das nicht verpassen.

Eisenfunk

Es ist wirklich sehr heiß vor der Club Stage. Das liegt nicht nur an dem bloßen Gedanken, dass in Bälde drückender Bass mit gleichzeitig fiesen und geilen Ohrwurm-Beats aus den großen Boxen ertönen wird, sondern großteils auch wegen der Hitze. Zugegeben sorgt die Wärme ein wenig dafür, dass wir schon recht bewegungsfaul an der linken Flanke der Club Stage warten, bis die Elektronica / Industrial Band Eisenfunk die Bühne betritt. 

Grundsätzlich freuen wir uns auf die Jungs von Eisenfunk. Nachdem sich die Band 2014 aufgelöst hat, dauerte es bis zur Reunion im Jahr 2024 immerhin geschlagene zehn Jahre. Vermisst haben wir die Kreativität mit recht simpel gehaltenen Beats ultra catchy zu adaptieren oder selbst zu kreieren. Nahezu jeder Song, der uns aus dem Stegreif einfällt, ist ein Ohrwurm. Wie viele Lieder sich wohl während des Sets in unser Hirn fressen werden?

Der Andrang vor der Stage wirkt zunächst einmal etwas dezent. Das hindert die Jungs aber nicht daran, mit viel Elan, witziger Stimmung und vor allem einem ordentlich drückenden Bass auf der Bühne alles zu geben. Nach dem ersten Song, dem gleichnamigen Titel zur Band „Eisenfunk”, in welchem jenes Wort sehr häufig wiederholt wird, begrüßt der Sänger humorvoll mit dem Satz „Falls ihr es noch nicht wusstet, wir sind Eisenfunk” – das Eis ist direkt gebrochen und die Party kann trotz heißem Wetter losgehen. Und wie sie das tut! Das Publikum bewegt sich, jubelt und erfreut sich an der ausgelassenen Stimmung.

Von der Bühne hören wir hauptsächlich Songs aus der Zeit vor dem Break-Up 2014. Darunter z. B. „Pestilenz”, „Neandertal” oder dem wohl größten Ohrwurm des Tages „Pong”. Ein Song des neusten Albums „Superhelden” von 2024 fehlt aber natürlich nicht. Leider ist uns der Name des Titels nicht bekannt, in Erinnerung geblieben ist er uns aber dennoch. Das mag vielleicht auch an der eingeschobenen Bühnenshow liegen, bei der als Superhelden verkleidete Personen die Bühne stürmen und die Stimmung anheizen. Übrigens etwas, dass Eisenfunk seit jeher gut draufhaben. Bei „Pong” gibt es wie schon bei den letzten Besuchen auf dem M’era Luna viele Wasserbälle für das Publikum, welches versucht, diese im Rhythmus des Songs zu „pongen”.

Stahlmann

Guter NDH kommt aus Göttingen. Der Beweis ist die Formation “Stahlmann” rund um Sänger Martin Soerr. Zum wiederholten Male gibt die Band sich auf dem M’era Luna die Ehre, und wie immer in schwarzer Kriegsbemalung reißt sie die Hütte ordentlich ab.

Warmgespielt wird das vorfreudige Publikum mit “Ohne heiligen Schein”, eine Perle aus dem aktuellen Album “Schwarz wie der Tod” (2026). Der Beat marschiert im genretypischen Stechschritt, und dieser im besten Sinne sehr eingängige NDH-Kracher sorgt sofort dafür, dass das mittlerweile deutlich vollere Infield sofort in Tanzbewegung verfällt. Auch wird sofort klar: An Pyro wird hier nicht gespart. Der Stahlmann schmiedet das Eisen, solange es heiß ist.

Apropos: “Der Schmied” darf natürlich ebenfalls nicht auf der Setlist fehlen. Die harte Hymne ist seit jeher ein absoluter Publikumsfavorit. Und so verwundert es auch nicht, dass lautstarke “Hey!”-Rufe von Frontmann Soer durch die schwarze Meute sofort mit einem ebenso  kräftigen “Hey!” quittiert werden. Die Stimmung ist auf dem Schmelzpunkt, und so wird es auch über den gesamten Auftritt hinweg bleiben.

Den runden Abschluss bildet die Performance von “Süchtig” aus dem 2013er Album “Adamant”. Die elektronisch verstärkte Hymne befeuert die Tanzbereitschaft der Fans noch einmal sichtlich – mit lauten Riffs und heißer Pyro gelingt einmal mehr ein stimmungsvoller Höhepunkt.

Jesus On Extasy

Mit Jesus On Extasy hat das M’era Luna eine Band eingeladen, welche lange Zeit im Line-up vermisst wurde. Zuletzt vor 17 Jahren haben die Synth / Alternative Rocker das Hildesheimer Festival gerockt. In dieser Zeit gibt es natürlich viel neues Material, welches potenziell auf der Setlist landen könnte. Ein wenig hoffen wir auf den ZW-Lieblingssong „Soulcrusher”. Spoiler: Wir wurden nicht enttäuscht.

Das Highlight ist aber tatsächlich nach unserer Meinung ein völlig anderer Titel relativ früh im Set in Form des erst etwa ein Jahr alten Songs „Somewhat Happy”, welcher mit seinem schönen Wechselspiel aus Gitarren und Synths live extrem gut funktioniert. Zu finden ist der Song auf dem bisher neusten Album der Band aus Essen: „Between Despair And Disbelief”. Grundsätzlich besteht die Setlist hauptsächlich aus Songs des neusten und des ältesten Albums. Eine gute Art, die Roots mit dem aktuellen Sound zu vermischen. Auch wenn ein etwas breitgefächertes Set sicherlich geholfen hätte, 17 Jahre Pause aufzuarbeiten.

Schon früh beim Set sieht man leider, wie das Publikum trotz guter Stimmung, viel Applaus und Tanz in Richtung Main Stage aufbricht. Zugegeben ist es auch fies, parallel zu einem der interessantesten Importe für das 2026er M’era aufzutreten: Skynd. Dennoch sagen wir, die Performance von Jesus On Extasy war einen Besuch wert und wir hoffen, dass die Band um Sänger Dorian Deveraux in den kommenden Jahren möglichst bald wieder eingeladen wird.

Skynd

Wir haben es gerade schon ein wenig angeteasert. Ein Blick auf das Infield vor der Main Stage offenbart uns, dass mit Skynd gleich ein gehypter Act auf der Bühne stehen wird. Das M’era hat in den Social Medias oft den Ruf, viele Bands wieder und wieder einzuladen – bereits 2024 haben sie mit Bands wie Heilung Trendbewusstsein und Weiterentwicklungswillen bewiesen. Denselben Effekt dürfte 2026 das aus Australien Importierte Experimental-Duo Skynd erfüllen. Auf Social Media und Videoplattformen absolut gehyped, mit einem kontroversen, aber durchaus spannenden Konzept ausgestattet bringen die beiden von maskierten Gastmusikern unterstützten Masterminds Musik mit, welche man in keine Schublade stecken kann. Jedes Lied ist auf seine Weise unique im Sound und hat Stilelemente von Popmusik über Hip Hop bis hin zu Industrial oder Metal. Gemeinsam haben die Songs zwei Dinge: Das Thema True Crime und eine unglaubliche Catchiness.

Was man direkt zum Auftritt von Skynd sagen muss, ist, wie straight das Konzept durchgezogen wird. Es gibt nicht viel direkte Interaktion mit dem Publikum, stattdessen wird auf düstere Dramaturgie, Introsequenzen mit gesprochenen Storys in Short-Version zu den einzelnen Songs und pure Exzentrik in der Performance gesetzt. Und genau das ist das Steckenpferd der namentlich nicht bekannten Sängerin. Die Gestik, die Mimik, jede einzelne Bewegung geht in absolut perfektionistischem Einklang zum jeweiligen Song. Oder wie es einer unserer Fotografen sagte: „Schnuten ziehen kann sie”. 

Kennt man die Studioversionen der Lieder, kann man vielleicht gar nicht genau feststellen, welch enormes Gesangstalent Skynd zwischen den rege (auch live) genutzten Stimmeffekten hat. Von Sopran über Harsh-Vocals bis hin zu Pop-Diven-like Tönen hören wir alles in Perfektion von der Bühne schallen. Die makaberen Highlights sind zum einen „Columbine”, welches den Amoklauf an der gleichnamigen Highschool Ende der 90er Jahre thematisiert und das mit seinem einprägsamen „Ratatata Ratatata Ratatata” – sinnbildlich für das Maschinengewehrfeuer – jedem Zuschauer lange im Kopf bleiben wird. Zum anderen der aktuelle ZW-Lieblingssong von Skynd „Mikhail Popkov”, die Taten des gleichnamigen russischen Serienmörders thematisierend oder „Jimmy Savile”, welcher vor allem durch seine spät bekanntgewordenen Sexualstraftaten an Minderjährigen in Erinnerung bleiben wird.

Das Fazit ist einfach: Es ist unglaublich, wie man mit einem so kontroversen und makaberen Konzept verwoben in catchy Hooks und eingängigen Melodien mit vielen unvorhergesehenen Stilwechseln einen Hype kreieren kann. Die Musik ist gleichzeitig easy zu hören, aber kompliziert im Kontext. Sie wirkt frisch, neu und exzentrisch. Vor allem ist sie aber etwas Einzigartiges, was es vorher nicht gegeben hat und genau den aktuellen Nerv trifft. Der Auftritt von Skynd war definitiv eines der größten Highlights aller M’era Lunas, die wir bisher besucht haben. Das ist genau der Spirit an Vielfalt, den es braucht, um das Festival weiter voranzubringen – danke M’era Luna und Skynd für diesen fantastischen Auftritt, welcher zurecht mit sehr tosendem Jubel vom Publikum gewürdigt wird.

Then Comes Silence

Auf der Club Stage treten als nächster Act die schwedischen Electro-Rocker von Then Comes Silence vor das Publikum. Das Infield ist bereits gut gefüllt. Gebannt erwarten wir den Auftritt der Künstler, die in den vergangenen 15 Jahren ihre Fans mit immerhin sieben Alben verwöhnt haben – kreativ ist also einiges zu erwarten.

Los geht es mit dem spacigen “Apocalypse Flare”. Stakkato-Synths werden stimmig eingerahmt von einem rockigen Background. Ein stilgebendes Theremin erklingt und lässt uns stimmungsvoll über der besungenen Endzeit schweben. Der ausgelassene Jubel der Besucherinnen und Besucher zeugt deutlich davon, wie gut die Performance verfängt.

Das Ensemble aus Stockholm pflegt die Tradition, den Keyboard-Slot bei Live-Auftritten gerne zu rotieren. Frontmann Alex Svenson-Metés klärt uns daher darüber auf, dass wir an den Synths diesmal dem szenebekannten Session-Keyboarder Johann Lange lauschen dürfen. Aus unserer Sicht ein absoluter Gewinn – so auch bei der folgenden Performance von “Warm Like Blood”.  Synth-/Sprechparts lassen den Track wohlig in die 80s driften, während explodierende Gitarrenriffs im Refrain für einen ordentlichen Kickstart sorgen.

Ein ganz besonderer Moment entsteht schließlich, als die Band eine Weltpremiere ankündigt: Wir erleben die allererste Live-Aufführung von “Judgement Day”, ein Vorbote des kommenden Albums “Requiem Ballroom” (20.11.26). Fetzige Synth-Sirenen werden ganz im gewohnten Stile der Band durchbrochen von rockigen Riffs. Eine sphärisch eingesungene Bridge lässt uns zwischen all der Energie kurz Luft zum Schweben und Atem holen für das nächste Sirenenfeuer. Zurecht resümiert Sänger Svenson-Metés nach Verhallen des letzten Akkords: „That went too well for the first time!“. Das Publikum jedenfalls bejubelt die Premiere reichlich, und die Vorfreude auf den Album-Release im November ist allenthalben groß.

The 69 Eyes

Am späten Nachmittag sollten alle Augenpaare auf die Main Stage gerichtet sein, denn die Rockveteranen von The 69 Eyes schicken sich an, ganz groß aufzuspielen. Wer schon einmal einen Auftritt der Finnen gesehen hat weiß, dass man hier mit Nackenschmerzen rausgehen wird.

Ordentlich vermöbelt wird man vielleicht höchstens im Moshpit, als der Track “The Chair” erklingt. Der Bass sitzt ordentlich, und die stimmungsvollen Riffs lehnen sich angenehm an die über allem schwebende, düsterschöne Stimme von Frontmann Bazie. Das prall gefüllte Infield fläzt sich in eine wohlige Woge aus schwarzer Melancholie.

Es folgt ein sehr gut gemeinter musikalischer Ratschlag: “Never Say Die” erschallt von der Bühne. Und obwohl der Track mittlerweile 19 Jahre zählt, klingt er angenehm modern und kleidet sich in einem rockigen Gewand, welches zum Headbangen und Mitwackeln einlädt. Dementsprechend groß und völlig verdient fällt auch der Jubel des zahlreichen Publikums aus.

Die finnischen Rockveteranen haben ein einzigartiges Talent dafür, auch gemütliche Songs immer noch knackig und tanzbar darzubieten. So auch das stimmungsvolle “Dance d’Amour”, welches chillig-entspannte Rockvibes verbreitet und spätestens beim Gitarrensolo gleichzeitig auch das Herz wie das Tanzbein beschwingt.

Aufgrund des engen Zeitplans konnten wir den Auftritt von The 69 Eyes zwischendrin nur aus der hinteren Reihe verfolgen. Trotzdem war die Stimmung selbst am äußeren Rand des Infields noch unter der Haut zu spüren. Ein großartiger Act, der niemals alt wird.

Clan Of Xymox

Die Darkwave-Veteranen aus dem Lande der Tulpen und Frikandeln servieren uns ein geschmackvolles Set, welches unsere Leidenschaft fürs Träumen und Tanzen wahrlich erblühen lässt. Uns wird ein spannender Querschnitt ihres musikalischen Schaffens präsentiert, welches sich nun schon über mehr als 40 Jahre erstreckt.

Rein gehen wir mit “There’s No Tomorrow”. Die dunkelhübsche Synthweise aus dem Jahr 2003 besitzt einen markanten, antreibenden Beat. Das Publikum quittiert die Darbietung mit reichlich Jubel. Wir sind uns sicher: Für diese Art von Musik wird es immer ein Morgen geben.

Dass Clan of Xymox auch aktuellere Kracher im Repertoire haben, beweist die Performance von “You’re The One” aus der hörenswerten EP “Blood of Christ” (2024). Surreales Bildmaterial auf der Leinwand begleitet die Darbietung. Der Song mit den prominent peitschenden Synths gibt der tanzenden Menge noch einmal richtig Antrieb. Als Künstler Ronny Moorings dazu aufruft, die Hände in die Höhe zu recken, klatscht wirklich jeder Fan begeistert mit.

Zum Abschluss des Auftritts wird es noch einmal richtig oldschool. Die Sirenen-Synths von “A Day” aus dem Jahre 1985 erschallen über das Infield, und der Mix aus tanztauglichem Beat und reingesampeltem Flüsterquietschen erinnern an die Soundkulisse der schwarzen Clubs aus den 80/90ern. Insgesamt bietet Clan of Xymox eine angenehm breite Spanne an Unterhaltung zwischen Nostalgie und schwarzer Moderne.

L’Âme Immortelle

Mit fünf Minuten Verspätung betreten die Altmeister des Darkwave die Main Stage des M’era-Luna-Festivals. Das Duo um Sonja Kraushofer und Thomas Rainer wird uns in die Blütezeit des Musikprojekts entführen – das jubelnde Publikum ist sichtlich gespannt.

Den Auftritt wird eingeleitet von den stimmungsvollen Synthklängen des Tracks “Stumme Schreie”. Elektronisch kraftvoll untermauerter Darkwave mit emotionalem Text, Kraushofers gefühlvolle Stimme im Wechselspiel mit Rainers anklagend aufrüttelnden Vocals – wir bekommen hier im besten Sinne L’Âme Immortelle in Reinforn kredenzt.

Zwischen den Songs schenkt Kraushofer uns einen spannenden Einblick in die Anfänge der Band: Wie Rainer sie eines Tages anrief, um sie für das gemeinsame Projekt zu begeistern, und welchen aufregenden Weg sie seitdem gemeinsam beschritten. Kraushofer bedankt sich emotional bei den treuen Fans, was mit hörbarem Jubel quittiert wird.

Ebenfalls vom Album “Gezeiten” (2004) wird uns der Klassiker “5 Jahre” dargeboten. Das herrlich Gemeine an dem Song: Der Refrain brennt sich effektiver ins Ohr als jedes abgenudelte Schlagerlied. Das Infield ist zwar längst nicht mehr so voll wie bei The 69 Eyes, aber die vorhandenen Fans stimmen wohlig mit ein und schaffen eine ganz besondere emotionale Kulisse.

Einen angenehmen musikalischen Break erhalten wir gegen Ende der Setllist, als der mächtig rockige “Phönix” seine Schwingen auf der Bühne ausbreitet. Rainer und Kraushofer stimmen gemeinsam im Klargesang ein in diese Hymne über Ungebrochenheit und Zielstrebigkeit. So mancher geneigte Zuhörer fühlt bei den Klängen wohl neue Lebensgeister erwachen.

Zum Abschluss verwöhnen uns die Österreicher nochmal mit einem nostalgischen Duo aus “Bitterkeit” (2001) und “Life Will Never Be The Same Again” (1998). Zwei Darkwave-Songs der alten Schule, zu der jeder eingefleischte Fan mitsingen und sein Herz dazu schwingen lassen kann.

Rückblickend bleibt die Erkenntnis, dass die Szene-Legenden vermutlich bewusst auf eine nostalgische Setlist aus Tracks aus der Jahrtausendwende setzen. Eingefleischte Fans werden davon nie genug bekommen. Unserer persönlichen Meinung nach hätte es den Auftritt noch weiter aufgewertet, auch aktuelle Hits zu präsentieren (z.B. aus dem hörenswerten Album “Ungelebte Leben” von 2024). Das Maß an Publikumspräsenz zahlt ebenfalls auf diesen Gedanken ein. Trotzdem bleibt der Eindruck eines wirklich sehr sympathisch auftretenden Duos, welches unsere Herzen hoffentlich noch lange mit ihrer Musik berührt.

Neuroticfish

Vom Duo L’Âme Immortelle wechseln wir zum Zweigestirn von Neuroticfish. In den frühen 90ern gegründet, kann die Formation mit sieben Alben und zahlreichen weiteren Veröffentlichungen einen wahren Ozean an Schaffenskunst vorweisen. Eine große Menge an vorfreudigen Besucherinnen und Besuchern wartet vor der Club Stage bereits darauf, in die Musik der Bochumer Band einzutauchen.

Los geht es mit dem wirklich äußerst tanzbaren “You Bring The Noise”. Der Stimmungskracher mit dem eingängigen Beat versetzt das begeisterte Publikum sofort in Tanzbereitschaft, für Interessierte werden die Lyrics kunstvoll auf die Leinwand der Bühne projiziert. Zu Recht verklingt dieser Opener unter viel Jubel. Es ist von Anfang an klar: Die Synthpopper aus dem Pott schwimmen nicht in ruhigen Gewässern.

Begrüßt wird das schwarze Volk durch Frontmann Sascha Mario Klein mit einem herzlichen “Hallo, M’era Luna!” Das Publikum wirft die Flossen hoch und johlt lauthals, gute Stimmung war definitiv im Haus. Klein verrät uns außerdem, dass es Neuroticfish erst vor drei Jahren zuletzt auf das düstergute Festival angeschwemmt hat.

Ein thematisches Wechselbad ereilt uns durch den folgenden Track “Silence”: Wobei uns der Text verrät: “Silence is my enemy.” Insofern bleiben wir im Partybereich mit dieser härteren, und doch wohlig dahinschwimmenden Elektroperle.

Eine Ansage von der Bühne verrät uns, dass Keyboarder Henning Verlage wohl im Urlaub ist. Gut für ihn! Er wird daher von einem uns unbekannten Gast-Künstler vertreten, der sich allerdings mehr als würdig erweist.

Bevor wir gemeinsam mit einem Teil des Publikums zu Floor Jansen auf die Main Stage herüberschwappen, genießen wir noch die Darbietung von “Civilized”. Die mit einem Sprachzitat-Sample unterstütze Elektroweise kommt mit sehr 80er-inspirierten Synths und stimmungsvollem Gesang daher. Man wird ähnlich wie bei einigen anderen Acts des diesjährigen M’era Lunas an die ersten Clubbesuche der eigenen Jugend erinnert (jedenfalls wenn man wie der geneigte Autor dieses Abschnitts über 40 Jahre zählt). Richtig tanzbar, befinden wir als auch die Menge in dem sehr gut gefüllten Infield. Schließlich wechseln wir jedoch mit einem weinenden Auge die Location, um den Klang des Keyboard gegen harte Gitarrenriffs einzutauschen.

Floor Jansen

Am späten Nachmittag sollte Multitalent und Metalmaid Floor Jansen samt Band der Main Stage die Ehre erweisen. Jansen bereichert nun schon seit fast 30 Jahren die Metal-Szene mit ihrer vielseitigen Sangeskunst und hat einige erfolgreiche Stationen in ihrer Karriere durchlaufen. Einen Ausschnitt aus ihrer musikalischen Vita bekommen die bereits gebannt wartenden Besucherinnen und Besucher heute präsentiert.

Dem Szenekenner ist sicher geläufig, dass Jansen bereits seit bald 15 Jahren als feste Leadsängerin der Symphonic-Metal-Ikonen von Nightwish reüssiert. Von daher ist es auch keine Überraschung, dass die gebürtige Niederländerin einige Songs der Finnen mit im Gepäck hat. Aus der jüngeren Nightwish-Ära bringt sie uns unter anderem “Noise” mit, ein mitreißender wie zeitgenössischer Track über die Schattenseiten der digitalen Dauerbeschallung. Natürlich dürfen auch zwei der größten kommerziellen Hits von Nightwish nicht fehlen: “Amaranth” und “Nemo” erklingen gleich hintereinander. Das zahlreich versammelte Publikum klatscht und singt aus allen Kehlen mit.

Humoristisch kommentiert Jansen auch die mittlerweile sengende Hitze, die das Infield in einen wahren Hexenkessel verwandelt: “I had a problem putting on my makeup today, because it was flowing out of my face.” Wir vermuten, die ebenfalls herausgeputzten Festivalbesucherinnen und -besucher können das Leid gut nachvollziehen. Doch ein echter Fan lässt sich davon natürlich nicht aufhalten.

Wer sich mit Jansens Werdegang auseinandergesetzt hat weiß, dass ihre erste signifikante Station die mittlerweile aufgelöste (und Gerüchten zufolge vielleicht bald wiederauferstehende) Band “After Forever” darstellt. Aus dieser Ära präsentiert uns Jansen und die wirklich leidenschaftliche Band den rassigen Track “Face Your Demons”. Fast schon etwas etwas oldschooliger Rocksound vermischt sich mit einem tiefergelegten Bass und der geballten Energie von Jansens vielseitiger Stimme. Man merkt sichtlich, dass sie auch beim Vortrag verflossener Werke immer noch jede Menge Spaß hat.

Nach dem Ende von “After Forever” in 2009 blieb Jansen nicht lange der Musik fern und gründete bereits ein Jahr später die Formation “ReVamp”. Und der geneigte Leser ahnt es schon, natürlich werden wir auch mit einem Kleinod aus dieser Ära verwöhnt. Wild und ungezähmt erschallen die Riffs von “Wolf and Dog” über das beeindruckend gefüllte Infield, und die Menge schüttelt ordentlich die langen Haare zu dem düsterschönen Track, der im Refrain in einen emotionalen Höhepunkt ausbricht. Fast ein wenig schade, dass die Band sich ein paar Jahre nach Jansens Wechsel zu Nightwish ebenfalls aufgelöst hat.

Bis hierhin denkt man sich vielleicht, dass Jansen einfach eine Sammlung ihrer größten Hits mitgebracht hat. Doch weit gefehlt. Jenseits ihrer aktiven Betätigung bei Nightwish startet sie auch solo musikalisch durch. So präsentiert sie uns wunderschöne Perlen von ihrem letzten Album “Paragon” (2023). Das emotionale, fast schon etwas poppige “Invincible” demonstriert eindrucksvoll das eingangs angesprochene Multitalent der Künstlerin.

Und es gibt gute Nachrichten für Fans der Niederländerin: Jansen hat bereits ihr zweites Solo-Album angekündigt. “Hytress” heißt das Werk und soll am 15.01.2027 das Licht der Welt erblicken. Zwei spannende Einblicke erhalten wir jedoch bereits heute. In die Welt des zünftigen Metals kehren wir zurück bei der Darbietung von “Run”. Der kernige Banger angefeuert von Jansens mächtiger Singstimme wird passend zum Text über stolze Individualität angekündigt mit den Worten: “Today we celebrate being different!” Der Publikumsjubel bezeugt, dass die Botschaft zu Recht sehr gut verfängt.

Ein ganz besonderes Schmankerl aus dem mit Spannung erwarteten Album bekommen wir mit “Reverse Polarity” dargeboten. Dieser Track ist bisher nicht erwerbbar und wird unserer Recherche nach lediglich auf ausgewählten Live-Events gespielt. Auch dieser Song kehrt anders als die Einträge auf dem Vorgängeralbum zu Jansens Metal-Wurzeln zurück. Die Fans jedenfalls sind begeistert..Nach 50 Minuten Spielzeit würden sich wohl eine Menge Zuschauer eine Zugabe herbeiwünschen. Doch wir huschen nun rüber auf die Club Stage zu den Aggrotech-Anarchisten von Aesthetic Perfection.

Aesthetic Perfection

Haben wir schon einmal erwähnt, dass es echt heiß am M’era Sonntag ist? Während wir vor der Club Stage auf Aesthetic Perfection und ihre selbst als „Industrial Pop” beschriebene Musik warten, sind wir schon vor dem Auftritt etwa medium rare gegart. Und so wie sich Feinschmecker über unseren Gargrad die Finger lecken würden, machen wir jenes, als die ersten Töne des Intros der Amerikaner aus LA erklingen. Doch leider währt die Freude nur sehr kurz… leider.

Nicht, weil Aesthetic Perfection schlechte Musik machen. Sondern eher, weil die Tontechnik beim Auftritt leider lange und an vielen Punkten Probleme hat. Wir haben gehofft, dass es sich schnell bessert, doch leider zieht sich die Pechsträhne durch die gesamte Performance. Der Bass wirkt schwach, stellenweise ist er nahezu komplett verschwunden. Laute, zischende Störgeräusche prägen in einigen Songs die Struktur. 

Die Band? Lässt sich von den Problemen nicht einschüchtern und gibt ihr Bestes ein gutes und gut gelauntes Set für die zahlreichen Fans vor der Club Stage abzuliefern. Vor jenen haben wir übrigens auch viel Respekt, denn sie lassen es die Band in keiner Weise spüren, dass es deutlich hörbare Soundprobleme gibt und feiern weitestgehend ausgelassen zu Songs wie „Gods And Gold” oder „Spit It Out”. Unsere Highlights vom Set sind „We Bring The Beat” und „Summer Goth” – bei beiden Songs hat glücklicherweise die Tontechnik auch weitestgehend funktioniert.

Für die Band ist es schade, dass es Probleme beim Sound gab. Wir wissen von anderen Konzerten, dass die Amerikaner üblicherweise einen guten Job machen und live sehr überzeugend sind. Hoffentlich kommen sie bald wieder auf das M’era Luna und können die Stages rocken.

Lacrimosa

Kaum jemand fängt Emotionen so märchenhaft in sinfonisch-rockige Klänge ein wie das Duo um die schillernde Gestalt Tilo Wolff und die bezaubernde Sängerin und Keyboarderin Anne Nurmi. Schon seit den 90er Jahren erfüllen sie unsere Seelen mit süßem Herzschmerz und tiefgründigen, mitreißenden Melodien.

Zu Beginn werden wir auf eine Reise nach “Avalon” entführt. Der Artussage nach ein mystisches Refugium, im Kontext des Liedes ein Zufluchtsort vor einer zerstörten, von Menschen zugrunde gerichteten Welt. Die melancholische Soundkulisse, die stimmungsvollen Gitarrensoli und der anklagende Gesang von Wolff und Nurmi transportieren die dystopische Botschaft perfekt. Auch beeindruckend: Wolff demonstriert persönlich seine Fähigkeiten sowohl an der Gitarre als auch an der Trompete. Das ist echter Einsatz für das gut gealterte, definitiv nicht in die Jahre gekommene Herzensprojekt.

Nach diesem furiosen Auftakt erhebt Wolff das Wort und bedankt sich herzlich für all die wundervollen Begegnungen mit Besucherinnen und Besuchern (auch wir hatten die Ehre). Ein großes Dankeschön geht zu Recht auch an die großartige Orga des Festivals. Dem schließen wir uns gerne an.

Als nächstes lassen Lacrimosa den “Schakal” von der Leine. Anklagend jaulende Gitarren begleiten die leidenschaftliche Verteidigung in Sangesform über ein Wesen, welches Leid unter anderen verursacht und gleichzeitig inneren Konflikt verspürt – und doch gewahr ist, dass es aus seiner Natur nun einmal nicht auszubrechen vermag. (An der Stelle ein Hinweis: Die Texte von Lacrimosa besitzen eine große lyrische Tiefe. Jede Interpretation innerhalb dieses Artikels ist nur eine mögliche Deutung.)  Die in verzweifelter Tonlage vorgetragene Line “Ich will leben!” klingt zum Ende hin aus und vermischt sich mit ansteigendem Jubel des zahlreich erschienenen Publikums.

In der folgenden Ansage informiert uns Wolff darüber, dass Anne Nurmi nach längerem Ausfall endlich wieder mit an Bord ist. Tatsächlich berichtete die Band vor rund einem Jahr via Instagram über Nurmis schwere Erkrankung. Wir freuen uns über die Genesung und wünschen Nurmi weiterhin alles Gute. Die Besucherinnen und Besucher sehen das genauso und stimmten in lauten Jubel für die Sängerin und Keyboardvirtuosin ein.

Der Track “Dark Is This Night” wird daher auch angekündigt als “Annes Song”. Eine stimmungsvolle Bassgitarre paart sich mit dem Trompetenspiel von Wolff – über all dem schwebt die emotionale Singstimme von Nurmi, die aus dem Schatten des Vocal Backings heraustritt und sich mit dem düsterschönen Song mühelos in die Herzen aller Zuschauer singt. Der Text befasst sich mit der Reise in die innere Gedanken- und Gefühlswelt, mit all den internen Konflikten und Narben auf unserer Seele. Aus unserer Sicht ein sehr gut gewählter Song im Zusammenhang mit der Überwindung eines schweren persönlichen Schicksals.

Nach der Darbietung des stimmungsvollen “Alleine zu zweit” spricht Sänger Wolff ein begeistertes Lob an die Festival-Gemeinschaft aus und hebt hervor, dass hier innere Werte mehr als Äußerlichkeiten zählen. Eine Haltung, die sicherlich der Großteil der schwarzen Szene verinnerlicht hat.

Auch Publikumslieblinge wie “Der Morgen danach” sind natürlich Teil des furiosen Auftritts. Schon als die markante Bassline des Intros über das Infield erschallt, recken die begeisterten Zuschauer die Hände in die Höhe. Die emotionale Weise mit den rockigen Riffs erzählt von einer fiktiven Botschaft an ein besseres Morgen nach einem tiefen Fall. Verletzung, Leid, aber auch Hoffnung auf ein Licht in der Zukunft besingt das dramatische Duo und trifft das mitwogende Publikum genau ins schwarze Herz.

Zum Abschluss rütteln uns Lacrimosa noch einmal richtig auf, als die “Rote Sinfonie” erklingt. Harte Gitarrenriffs, ein treibendes Synthklavier – die Band zeigt uns nach viel stimmungsvoller Emotionalität musikalisch noch einmal die Zähne. Der Vortrag schließt mit einer fast einpeitschenden Wiederholung der letzten Textzeile: “Alles was passiert, passiert zwischen dir und mir”. Und das beschreibt auch den gesamten Auftritt von Lacrimosa: Leidenschaftlich, anklagend, und doch voller sympathischer Nahbarkeit und platonischer Intimität.

Die Krupps

Der geneigte Autor kennt einige Metaphern für Bands, die schon lange im Business sind. Veteranen, Urgesteine, Legenden. Doch wie betitelt man eine Formation, die bald ihren 50. Bandgeburtstag feiert? Jedenfalls: Die Szene-Methusalems von Die Krupps geben sich auf dem diesjährigen M’era Luna die Ehre und vertreten die krankheitsbedingt ausgefallenen Industrial-Metaller von KMFDM.

Mit dem Opener beweisen die Düsseldorfer ihre lyrische Unbekümmertheit. “Nazis auf Speed” marschiert mit mächtigen Gitarrenriffs ein. Der Track über die Verwendung von Aufputschmitteln im zweiten Weltkrieg kann seine Anleihen an die Neue Deutsche Härte nicht verhehlen. Die Menge tanzt ekstatisch, und der Jubel des Publikums ist beim Verklingen lauter als jeder Fliegeralarm.

Gnadenlos setzen wir beim Besuch der “Schmutzfabrik” fort. Ein Song mit einer Referenz auf ein berühmtes Arbeiterlied. Heißt es bei den Krupps über den besungenen Maschinisten: “Und wenn sein starker Arm es will, dann stehen die Maschinen still”, so ist dies eine Anleihe an das sozialistische Werk aus der Feder von Georg Herwegh (1863). Wir merken also, auch hier gibt sich die Bands auf stimmungsvolle Art politisch. Und Stimmung gibt es genug: Der tanzbar plonkende Bass mit den ungebändigt vorantreibenden Gitarrenriffs transportieren die Botschaft in die moderne Welt des Industrial Rocks.

Ein besonders heißes Eisen schmieden die Nordrheinwestfalen mit dem Song “Der Amboss” (Original: Visage). Die Menge jubelt und tanzt ausgelassen, als der harte Track den Hammer immer wieder niedersausen lässt, begleitet von thematisch passenden rhythmischen Amboss-Geräuschen. Hier stehen die Maschinen fürs Erste jedenfalls garantiert nicht still.

Insgesamt ein packender Auftritt sowohl auf der lyrischen als auch auf der musikalischen Ebene. Mit Fug und Recht kann man behaupten, dass die Krupps den Ersatz-Slot mit großer Würde ausgefüllt haben.

OMD

Das M’era Luna präsentiert seinen Besuchern im Jahr 2026 eine der erfolgreichsten Synth-Pop / New Wave Bands der 80er Jahre: OMD (Orchestral Manoeuvres in the Dark”. Trotz des fast 50-jährigen Bestehens der britischen Band und in dieser Zeit gut erhaltenen Status innerhalb der Szene ist der Auftritt das Festivaldebüt. Es sind aber nicht nur pure Nostalgie und die Vorfreude auf einige tolle 80s Ohrwürmer, die das Infield vor der Main Stage brechend voll machen. Ein wichtiger Grund ist, dass mit OMD eine frische Brise über den Drispenstedter Flughafen weht.

Den Spirit und die Freude spürt man, wenn man den Overview über die Menge hat, von vorne bis nach hinten. Es wird viel getanzt, laut mitgesungen und die Musik mit sehr viel Applaus gewürdigt. Trotz der eher gediegeneren Synth-Musik ist das Partypotenzial also hoch – das merkt man nicht nur in der Crowd, sondern auch am erstaunlich energischen Einheizen und Anfeuern der Leute durch Sänger Andy McCluskey. Was die ganze Zeit durchweg dabei ist: Eine ordentliche Portion good mood und positive Vibes.

Was unser Herz besonders freut, sind die oft spielend smoothen Übergänge zwischen den Songs. Zugegeben, die Musik ist meist recht geradlinig und ähnelt sich von den zahlreich gespielten Klassikern aus den 80s und frühen 90s bis hin zu den wenigen Songs aus der neueren Bandgeschichte, welche aus den Boxen ertönt. Abseits vom wohl bekanntesten Song und 1982er Welthit „Maid Of Orleans” sind die Highlights „Electricity” (1979), der Ohrwurm „Locomotion” (1984) und das 1981er Lied „Souvenir”, welches einen von einem romantischen Tanz auf einem Abschlussball der frühen 80er träumen lässt.

Neben dem energischen Interagieren mit dem Publikum weiß Sänger Andy mit viel Charisma und Herzlichkeit zu überzeugen – und mit einigen unfreiwillig komischen Denglisch-Einlagen („Danke for being fantastisch”). OMD machen als Co-Headliner am Sonntag einen sehr guten Job und dürfen unserer Meinung nach sehr gerne wieder eingeladen werden. Noch viel mehr bedanken wir uns erneut für das vielseitige Booking im Jahr 2026, welches neben altbekannten Bands einige neue Überraschungen wie eben OMD oder auch Skynd bereithält.

IAMX

Das Soloprojekt des Künstlers Chris Corner aus der Londoner Ecke Großbritanniens sollte nun also den krönenden Abschluss der Club Stage Acts bilden. Gleich vorweg sei gesagt, dass IAMX nicht einfach nur “irgendein Electro-Projekt” ist, sondern mit spannenden experimentellen Klängen aufwarten kann.

Den Anfang machen wir mit dem oft geremixten Track “Disciple”. Ein plonkender Bass gesellt sich zu extravagant verzerrten Syntheffekten. Die Vocals von Corner stechen mit der höheren Stimmhöhe und dem fast geschmeidigen Klargesang klar aus dem Gros der Genreverter heraus. Originalität ist immer ein Plus, wobei der Gesang unserer subjektiven Meinung nach live nicht so sehr mit den Instrumentals harmoniert wie in der Studiomische des Songs. Dem Publikum jedenfalls feiert die Darbietung, denn der Jubel ist zahlreich.

Die Performance von “The X ID” wird anfangs leider etwas getrübt von einem monotonen Massebrummen, welches neben der eigentlichen Musik aus den Lautsprechern wummert. Mit einem Augenzwinkern kann man sagen, das gibt einem Elektro-Track nochmal eine ganz eigene Note und inspiriert vielleicht zu Remixen dieses ansonsten sehr stimmungsvollen Tracks mit den markanten Drums begleitet vom sphärischen Gesang Corners.

Ganz liebestoll geht es zu beim Elektrokracher “Aphrodisiac”. Der treibende Beat mit dem Schlafzimmerrythmus wird begleitet von knackigen Syntheinsätzen und den beinahe schon ekstatischen Vocals von Corner. Ein wenig wirkt der Track wie die Experimentalvariante des Schmuddelschmachters “Closer” von Nine Inch Nails – und das ist in dem Fall absolut ein Kompliment. Auch das Publikum gerät zu Recht in Stimmung und jubelt euphorisch.

Wir hätten den Auftritt von IAMX gerne noch länger genossen, doch unser Zeitplan war leider sehr eng gestrickt. Als Nächstes wird auf uns der Headliner des heutigen Tages in Gestalt der Folkrocker von Saltatio Mortis warten. Auf zum großen Festivalfinale an der  Main Stage!

Saltatio Mortis

Endlich ist es so weit: Der krönende Abschluss des spektakulären Festivals sollte nahen. Als fulminanter Höhepunkt der Veranstaltung würde uns der Auftritt von Saltatio Mortis erwarten. Die Karlsruher Virtuosen an Dudelsack und E-Gitarre bereichen die Fans gediegenen Mittelalter-Rocks nun schon seit über 25 Jahren mit einem breiten Spektrum an Liedkunst. Von klassischen Mittelalter-Songs über rassige Rockeinlagen bis hin zu zeitgenössischer Gesellschaftskritik in Liedform hat die Truppe rund um den charismatischen Frontsänger “Alea den Bescheidenen” so einiges zu bieten. Apropos Darbietung: Die Bühne ist nach vorne hin um einen kleinen Anbau erweitert worden, so dass die Band sogar noch näher an den Fans performen kann. Als die Show unter tosendem Jubel beginnt. sind wir also gespannt wie ein mittelalterlicher Flitzebogen.

Riesige Stimmung verbreitet gleich der Opener “We Might Be Giants” – in der Studio-Version veredelt von Peyton Parrish und Cristina Scabbia, hier dafür mit umso mehr Dudelsackpower und satten Drums. Das quietschevoll gepackte Infield hüpft und tanzt sich bereits jetzt die Seele aus dem Leib und man spürt: Das Publikum ist gewillt, zum Höhepunkt noch einmal alles zu geben. Auch auf der Bühne wird direkt in einem hohen Gang angefahren. Die Pyrotechnik ballert aus allen Rohren und die Zusatzbühne wird von Alea direkt für einen kleinen Ausflug Richtung tobender Menge genutzt.

Etwas mehr Leichtigkeit in der Seele propagiert der ohrwurmige Publikums-Liebling “Wo sind die Clowns”. Eine mitsingbare Ode an die Wertschätzung der kleinen und großen Freuden im Leben und ein emotionaler Kontrast zum einpeitschenden Auftaktsong.

Im Folgenden unternehmen wir eine Reise in die nordische Mythologie, getragen von stimmungsvollem, teils epischen Mittelalter-Rock in bester Reinform. Der Song “Loki” erzählt uns vom tragischen Gott des Schabernacks. Die “Finsterwacht” ist eine kraftvolle Hymne auf niemals ermüdende Wächter, die die Welt im Namen des Lichts gegen alle Widrigkeiten tapfer vor den Horden des Bösen beschützen. Zum Abschluss wird ironischerweise Lokis Widersacher “Heimdall” besungen. Zu vergleichsweise puristischen Mittelalterklängen erzählt uns die Band die Sage um den allsehenden Wächter des Nordens. Natürlich ist auch in diesem Block jede Menge Pyro am Start, und mittlerweile kann niemand mehr im Publikum stillstehen. Die schwarze Meute tanzt und jubelt. Saltatio Mortis ist spätestens jetzt mehr als warmgespielt. Den Abschluss der nordischen Mythenreise bietet das Medley aus “My Mother Told Me” und “Valhalla Calling”. Die neu interpretierten Originale von Miracle of Sound explodieren auf der Bühne in einem Feuerwerk aus leidenschaftlicher Darbietung, und natürlich trägt auch das Publikum diese eingängigen Weisen mit auf den Lippen. Ein echter Gänsehautmoment, den Mütter vielleicht wirklich ihren Nachkommen erzählen werden.

Der nächste Block widmet sich dem mit Sehnsucht erwarteten Album “Staub und Schatten” (Release 2027). Wir beginnen mit dem musikalischen Mutmacher “Ich habe keine Angst”. Die kraftvolle Performance und der großzügige Einsatz von Pyro aus allen Rohren sorgt dafür, dass auch das letzte Zagen vergeht und das Publikum couragiert den für Hymnen dieser Art typischen “Woohoohoo”-Part lauthals mitsingt. Es schließt sich die melancholische Weise “ich schrei deinen Namen in die Nacht” an. Die Sehnsuchtserklärung über eine weit entfernte Verflossene setzt prominent auf klassische Mittelalter-Instrumentation. allerdings wohlig verstärkt durch E-Gitarren und einen tragenden Bass. Ein Lied, das vielleicht als Studioversion beim ersten Hören etwas untergehen mag, live allerdings wirklich kribbelige Gänsehaut produziert. Vollgas geben wir dann beim “Tanz der tausend Klingen”. Gerade die satten Riffs der E-Gitarren kicken hier hart rein. Für eine ehemals eher puristische Mittelalterband ist der Track ganz schön Metal – und das gefällt uns und dem Publikum doch sehr. Allgemein ist festzuhalten: Saltatio Mortis mögen schon lange Musik machen, doch sie schaffen es immer wieder, spannende neue Facetten in ihr Schaffen einzuweben. Übrigens: “Staub und Schatten” ist nicht einfach nur das nächste mit Spannung erwartete Album-Release. Die Veröffentlichung wird flankiert von fünf limitierten EPs, fünf Büchern des Autors Torsten Weitze und einer eigenen Live-Tour. Alle Infos gibt es auch auf der Homepage von Saltatio Mortis.

Wie jeder gute Main Act lassen es auch Saltatio Mortis im finalen Teil der Show nochmal richtig krachen. Den Auftakt des Partyparts entzündet der Feuerbringer “Prometheus”. Ein fieser Ohrwurm, der einmal eingebrannt niemals mehr erlöschen möchte. Das Publikum tanzt ausgelassen zu den wuchtigen Klängen von der Bühne, und die Pyros unterstreichen das musikalische Thema mit voller Breitseite. Dass man sich in bester Feierlaune “Vogelfrei” und an “Keine Regeln” (im Original zusammen mit FiNCH) gebunden fühlt, thematisieren sehr stimmig die nächsten beiden gleichnamigen Songs aus der jüngeren Band-Ära. Und so wünscht man sich inmitten all der Partypossen doch, “Für immer jung” zu bleiben, so wie es der sehr tanzbare Song aus 2023 erzählt. Frei, ungebunden, keine Schranken – so das sehnsüchtig-sympathische Motto vieler Lieder dieses Abends.

Und dann gibt es da noch diese Lieder, deren Fehlen in so einer Setlist einfach eine schmerzhafte Lücke hinterlassen würden. Und wenn so ein Song dann auch gleichzeitig noch eine der größten Hymnen im Bereich des Mittelalter-Rocks darstellt, ist sie doch wie prädestiniert für den krönenden Abschluss eines großartigen Festivals. Und so erklingen die ersten Töne des Gassenhauers “Spielmansschwur” – mittlerweile schon neunzehn Jahre alt, aber gefühlt auch für immer jung geblieben. Das Publikum singt lauthals mit, die Bühne gibt musikalisch und mit reichlich Pyro-Einsatz noch einmal alles. Es wirkt gleichzeitig wie die Spitze der Eskalation und ein rührendes, feierliches Ende eines der größten Spektakel, die wir auf der Main Stage des Festivals in all den Jahren bisher erleben durften.

Zurück bleibt nur die Wehmut über das Ende eines unvergesslichen Wochenendes, und während Loki, Prometheus und der Spielmansschwur sich noch einen Wettstreit um den hartnäckigsten Ohrwurm lieferten, würden wir uns nun auf dem Weg zurück zu unserem Basecamp machen. Doch es bleibt der bittersüße Trost: Auch 2027 wird es wieder ein bombastisches Lineup geben. Ihr wollt mehr wissen? Wir verraten es euch im Folgenden.

Zwischen Fellen, Feuer und Met: Der Mittelaltermarkt auf dem M’era Luna

Wir nutzen diese Stelle nach der Review zu Saltatio Mortis, um schön passend auf einen wichtigen Wegpunkt auf dem Geländeplan aufmerksam zu machen: Zum M’era Luna gehört nämlich auch der Mittelaltermarkt. Auf einer geräumigen Fläche angrenzend an den großen Platz vor dem Eingang zum Infield reihen sich Schlemmerbuden mit mittelalterlichem Speis und Trank (z. B. Spanferkel und Met) und Verkaufsstände mit allerlei Kleidung, Goodies und Accessoires ein, die das Herz eines jeden Mittelalter Fans höherschlagen lassen. Für Zeitvertreib ist ebenfalls gesorgt: Schießbuden für Bogen- und Armbrustschießen sowie diverse Veranstaltungen wie ein Tanzkurs in den mittelalterlichen Tanzstilen oder eine spätabendliche Feuershow.

Wie schon die Jahre davor ist der Mittelaltermarkt auch ein Bereich, bei dem man abseits des großen Trubels im Infield eine etwas ruhigere Atmosphäre genießen kann, dabei die Musik von der Main Stage aber nicht missen muss. Diese ist auch bei einem entspannten Becherchen Met oder einem Schmaus am Stangenbrotstand in guter Qualität hörbar. Auch ist der Mittelaltermarkt (selbstverständlich) einer der beliebten Sammelpunkte von Menschen in kreativen Kostümierungen. 

Wir sind uns teamintern einig, dass ein Abstecher auf den Mittelaltermarkt das M’era Luna Erlebnis erst richtig abrundet – ebenso wie die köstliche Verführung in Form eines gekühlten, süßlichen Mets während In Extremo die Main Stage regelrecht unter Feuer setzt.

Für den kleinen und den großen Hunger: Wie gut ist die Kulinarik auf dem M’era Luna?

Wenn wir schon beim Thema Essen sind: Für feierwütige Festivalbesucher, aber auch für Pressemenschen, die Kraft zum Arbeiten brauchen, ist ein gut gefüllter Magen das A und O. Festivaltypisch und wie auch schon in den Jahren davor ist das Food-Angebot auf und außerhalb des Infields sehr vielseitig. Man kann sicher sein, dass für jeden Geschmack etwas vorhanden ist. Auch ob man nur einen kleinen Snack benötigt oder eine vollwertige Mahlzeit ist egal, von kleinen bis großen Portionen ist alles vorhanden. 

Es gibt zahlreiche festivaleigene Essensstände mit Pizza, Pasta, Burgern und Co. sowie diverse Foodtrucks, welche auch oft sehr kreatives Essen für den verwöhnten Gaumen anbieten. Wie schon im Jahr 2025 hat sich Raaki dem Schlemmen verbunden gefühlt und wieder zahlreiche Speisen getestet und anhand des Nährwertes, den Kosten, dem Geschmack und dem Preis-Leistungs-Verhältnis miteinander verglichen. Seid ihr bereit, Hunger zu bekommen? Dann lasst uns in Raakis Food Blog starten!

Der Food-Friday fällt aus

Ja… leider und schweren Herzens gibt es keine Freitagseindrücke zur Kulinarik auf dem Festival. Aber dafür eine kleine Empfehlung, sollte man außerhalb der Festivalzeit vielleicht einmal in der Stadt Lehrte unweit von Hildesheim sein, wäre ein Besuch im vietnamesischen Restaurant Ngoc My eine absolute Empfehlung. Wirklich jeder aus unserem Team ist überzeugt von der Qualität, vom Umfang und Geschmack der dort servierten Speisen.

Snacks, Asia und eine sehr positive Überraschung

Normalerweise ist Raaki ein Abendesser, der sich morgens und mittags eher zurückhält. Aber nunja, das viele Laufen, Denken, Notizen machen fördert eben das Hungergefühl. So gibt es während einer kleinen Pause zwischen Auftritt und der ersten Crowd-Tour einen kleinen Zwischenstopp an einem der zahlreichen Brezelständen. Aus der Auslage lachen mir auf der einen Seite klassische, gesalzene Brezeln und mit Käse überbackene Exemplare entgegen. Auf der anderen Seite Käse-Laugenstangen, welche es auch in Pizza-Version einmal mit Schinken oder vegetarisch mit Paprika gibt.

Der Magen zeigt eindeutig in Richtung der vegetarischen Pizza-Laugenstange, welche für 7,00 € zwar definitiv nicht günstig, aber zumindest als Snack erschwinglich wirkt. Gekauft! Das erste Gefühl ist zugegeben… ein wenig labbrig. Von einer knusprigen Laugenstange mit krossem Käse kann nicht die Rede sein. Der Vorteil: Einen Zahn bricht man sich sicherlich nicht daran ab. Die etwas weiche Konsistenz lässt den Snack zunächst etwas unappetitlich wirken, nach dem ersten Bissen muss man dann aber sagen: Rein geschmacklich war es schon in Ordnung – wenn vielleicht auch nicht für 7,00 €. Aber hey, wir alle wissen, dass die Preise auf Festivals meistens eher moderat bis hoch sind. Genau deswegen schlüsseln wir hier auf, was am ehesten satt macht.

Auch wenn der Snack zwischendurch richtig und wichtig war, hat er den Magen nur kurzfristig beruhigt. Noch lange bevor die Sonne hinterm Horizont verschwindet, meldet sich der Magen wieder mit einem Knurren, welches dem Bass der Club Stage Konkurrenz machen könnte. Okay, es muss also schnell etwas Nahrhaftes her. Auf dem Weg von kleinerer zu größerer Bühne fällt jedem schnell eine Reihe an Foodtrucks vor dem Hangar ins Auge. Dort mit eingebettet ein Stand, welcher verschiedene koreanische Bowls anbietet. Die Wahl fällt auf eine Korean Fried Chicken Bowl für 14,00 € – also glatt dem doppelten der Laugenstange.

Allerdings muss man auch sagen, dass die Qualität für sich spricht. Die „Bowl”, welche in einer Schale ähnlich der klassischen Pommesschale (wie früher im Freibad, nur ein wenig tiefer) gereicht wird, ist nicht sehr umfangreich, aber dafür liebevoll gestaltet und vor allem äußerst schmackhaft. Das Hühnchen ist knusprig frittiert, die Sauce pikant und leicht, aber nicht zu scharf. Der Reis ist bissfest. Die Bowl ist zudem liebevoll mit mariniertem Salat und weiteren Toppings serviert. Sehr lecker und nahrhaft, mit 14,00 Euro aber schon eine Hausnummer.

Eine große Freude durchfährt Raaki (und Chobmop auch) als wir einen altbekannten Foodtruck am Platz vor dem Haupteingang zum Infield entdecken: Der Käsedöner. Beide haben ihn bereits auf anderen Festivals lieben gelernt. Aber ganz ehrlich, wer kann denn bitte widerstehen, wenn er den massiven Käselaib auf dem Dönerspieß sieht, welcher in absoluter Pornoqualität geschmolzen heruntergeschabt wird? Die verschiedenen Serviervarianten machen es nur noch besser. Es gibt ihn im BBQ-Stil, mit Sucuk oder etwas mehr asiatisch angehaucht mit Lachs und Honig-Senf Sauce. Die Wahl fällt schließlich auf letzteres. Eine (wiederholt) unglaubliche Geschmacksexplosion. Abseits davon ist die Portion für Festivalverhältnisse riesig und damit auch sehr sättigend. In der Lachs-Variante für 13,00 € auch eher moderat als teuer. 

Bilanz Samstag:

Pizza-Laugenstange (vegetarisch mit Paprika), 7,00 € – Bewertung 6 /10, zwar soweit in Ordnung, könnte aber deutlich krosser sein und vielleicht auch ein wenig günstiger.

Korean Fried Chicken Bowl, 14,00 € – Bewertung 8 /10, sehr lecker! Portion könnte aber ein wenig größer und / oder der Preis ein bisschen günstiger sein.

Käse-Döner mit Lachs & Honig-Senf Sauce, 13,00 € – 10 / 10, vermutlich das leckerste Festivalessen in ganz Deutschland.

Ein Süß-salziger Veggie-Sunday

Der Sonntag sticht, wie man sicherlich früher in unserem Beitrag schon gelesen hat, vor allem durch das drückend warme Wetter hervor. Ein wenig nagt das schon am Hungergefühl. Der Drang nach etwas leicht Verdaulichem ist definitiv vorhanden. Eventuell auch eine kleine kühle Süßigkeit? Mittags ist die Meinung noch etwas unklar – vor allem weil der Durst grundsätzlich überwiegt.

Nachmittags wird es dann doch Zeit dem Magen ein wenig Power zu geben. Zugegeben, fast schon ein wenig gezwungen nach dem Motto: „Iss etwas, sonst kippst du noch um!”. Also geht es wieder einmal auf Food-Schau. Was gibt es? Vielleicht das leckere Handbrot, oder die Fetuccine, die 2025 im Preis-Leistungs-Verhältnis die absoluten Sieger waren? Möglicherweise etwas Deftiges… Spanferkel vom Mittelaltermarkt oder Gyros? Finally fällt die Entscheidung: Es wird ein Burger. Ein veganer Burger, welcher sogar richtig gut schmeckt. Das Patty ist kein typisches Ersatzprodukt, welches möglichst künstlich den Geschmack von Fleisch nachahmen soll, sondern ein Gemüsepatty. Und das schmeckt man mit jedem Bissen. Röstaromen, der leckere Geschmack des Gemüses, Burgersauce, Salat, Gurken und Co. – sehr lecker! Aber mit 10,00 € für einen einzelnen Burger, der maximal etwas größer als ein McDonalds Cheeseburger ist und ganz ohne Beilagen daher kommt schon saftig.

In Anbetracht des Wetters ist die Lust auf eine kalte Süßigkeit einfach unüberwindbar. Also wird sich beim Soft-Eis-Truck angestellt. Dort gibt es viele interessante Sorten in spannenden Farbkombinationen. And the winner is…. Strawberry Cheesecake Geschmack in pink-schwarzer Farbgebung. 6,00 € kostet die süße, verführerische Abkühlung. Ist dafür aber auch für ein Softeis sehr groß und vor allem äußerst schmackhaft. Okay, dass das Eis gut ist, hätte man bereits vorher der langen Schlange zum Anstehen entnehmen können. Das Eis ist zwar weniger eine vollwertige Mahlzeit, sicherlich auch kein richtiger Snack, aber hat aufgrund des leckeren Geschmacks unbedingt hier im Food Blog eine Erwähnung verdient.

Okay… ich glaube, dass den Sieger und damit das Abschluss-Essen für den Sonntag bereits jeder von euch erahnen kann, oder? Selbstverständlich ist das letzte Essen des Tages der Käse-Döner in derselben Konstellation wie schon am Tag davor. Eine sehr sättigende Mahlzeit vor der langen, nächtlichen Heimfahrt nach Süddeutschland, die sogar den eigentlich eingeplanten Stopp beim Etablissement der goldenen Möwe überflüssig macht.

Bilanz Sonntag

Veganer Burger – 10,00 € – Bewertung 7 / 10, mjamm! Aber leider nicht gut sättigend und dafür recht hochpreisig.

Softeis (Strawberry Cheesecake Geschmack) – Bewertung 8 / 10, eine sehr gute Erfrischung für Zwischendurch in sehr guter Eisqualität und mit gutem Geschmack

Käse-Döner mit Lachs & Honig-Senf Sauce – Teil 2, 13,00 € – 10 / 10, vermutlich das leckerste Festivalessen in ganz Deutschland – unser 2026er Preis-Leistungs-Sieger!

Alles wie geleckt: Sauberkeit und Sanitär

Wo viele Menschen zusammenkommen, steht natürlich ganz klar ein Thema im Zentrum: Sauberkeit und Hygiene. Zuverlässig wie immer liefert das schwarze Festival hier wieder sehr zufriedenstellend ab.

Allgemein darf man festhalten, dass das Gelände einfach unglaublich sauber ist. Da laufen 25.000 teils nicht mehr ganz nüchterne Besucherinnen und Besucher kreuz und quer und trotzdem gibt es quasi keine Stelle auf dem Boden, an der man sich nicht sorgenlos hinsetzen könnte. Das liegt zum einen an der wirklich guten und aufmerksamen Orga. Ein dickes Lob geht allerdings auch an die dunkelbunte Festivalgemeinschaft, die Achtsamkeit wirklich noch lebt.

Für die gerade bei der Hitze durchaus notwendige kleine Auffrischung oder zum hygienischen Händewaschen stehen günstig verteilte Trinkbrunnen, deren kühles Nass man natürlich auch zur Reinigung von Schweiß und Dreck verwenden kann. So lässt sich die Pein der sengenden Sonne gut verdauen.

Apropos Verdauung: Das M’era Luna bietet für das leibliche Wohl so manche Delikatesse. Zwangsläufig hört man nach all der Schlemmerei und notwendigen Hydrierung auch einmal den Ruf der Natur – und so zieht es den geneigten Besucher schließlich zu einer der zahlreich vorhandenen Lokuslokationen.

Wie jedes Jahr fährt das Festival auch wieder eine beeindruckende und strategisch gut verteilte Anzahl an transportablen Toilettentempeln auf. Wurden letztes Jahr noch eilig notwendige Sonderreinigungen und Aufstockungen der Dixis durchgeführt, so ist man dieses Mal wesentlich besser vorbereitet. Sogar Toilettenpapier und geruchsneutralisierende Chemikalien trifft man beim Besuch der blauen Brunzboxen an. Unser Autor Ayanami hat zwar den Ruf, sensibel in Bezug auf den Besuch von portablen Pieselpötten zu sein, doch dieses Mal freut er sich ehrlich über klasse Komfort-Kloasen.

Stichwort Komfort: Ebenfalls wieder dabei und sicher einen Besuch wert sind die tollen Trockentoiletten von Goldeimer. Wer also die Standard-Strullerstätten trotz aller Annehmlichkeiten lieber meidet, findet hier problemlos einen prima Platz für die persönliche  Peristaltik. Und jetzt mal alle Wortakrobatik beiseite: Gerade diese kleinen, aber besonderen Angebote sind es, die das M’era Luna zu einem liebevoll gestalteten Wohlfühlfestival machen.

Was wäre ein Festivalbesuch ohne Shirt als Erinnerung? Das Merchandise auf dem ML2026

Zugegeben, diese Textstelle klingt oft relativ ähnlich, denn im Grunde hat sich in den letzten Jahren am Aufbau des Merchstandes nicht viel verändert. Der Platz ist derselbe, die Auswahl ist umfangreich wie jedes Jahr – ebenso wie die Motive auf den T-Shirts. Was uns auffällt ist der Preis der Festival-Shirts. Mit 30,00 € sind diese im Vergleich zu anderen Festivals vergleichsweise günstig und somit auch für kleinere Geldbeutel ein erschwingliches Souvenir. 

Als fleißige Festival-Shirt-Sammler fällt uns direkt auf, dass sich dieses Jahr eine Farbe dazugesellt hat, die man irgendwie nur selten auf Merchandise findet: Gelb. Das schwarze T-Shirt mit dem gelben Motiv und standardmäßig dem Line-up auf dem Rücken fällt sofort ins Auge und wird am Ende schließlich auch der Designgewinner.

In einer wohl stark limitierten Auflage gibt es abseits von Kleidung ein M’era Luna Würfelset, welches vor Ort innerhalb kurzer Zeit ausverkauft ist. Das ist aber kein Grund zur Sorge. Schaut man online nach, sind die Würfel erhältlich. Eine weitere Neuerung ist die stilistische Anpassung der Geländekarte, welche künstlich ein wenig älter gemacht wurde und eher den Stil einer mittelalterlichen / früh-neuzeitlichen Landkarte hat. Eine schöne Designidee, die jedoch zur bloßen Orientierung leider ein wenig unpraktisch wirkt. Als Motiv für ein Poster oder Mitbringsel für zuhause ist die Karte aber durchaus eine Option.

Abseits des offiziellen Merchandise gibt es natürlich auch wieder zahlreiche Shirts, Hoodies, Caps und weitere Accessoires zu den auftretenden Interpreten. Wer Merch von anderen Bands sucht oder Dekorationen, Accessoires für das nächstjährige Outfit sowie einfach nur eine Kopfbedeckung, um die brennende Sonntagssonne in Schach zu halten, wird auf der Shoppingmeile unweit der Club Stage schnell fündig. 

Alles im Griff: Sicherheit und Organisation

Auch dieses Jahr ist das schwarze Vorzeigefestival wieder beeindruckend gut organisiert. Der Einlass arbeitet angenehm effizient wie freundlich. Aufmerksame Ordner unterstützen die Besucherinnen und Besucher bei ihren Vorhaben, Fragen werden schnell und kompetent geklärt. Die allgemeine Präsenz der Offiziellen sorgt auch wie in den Vorjahren für ein angenehmes Sicherheitsgefühl, ohne dass man sich beobachtet fühlt. Die digitale App des M’era Luna führt praktisch durch die Veranstaltung. Einen ganz kleinen Minuspunkt vergeben wir leider für die neue Aufmachung der offiziellen Geländekarte. Ist diese in den Vorjahren in einfachen, Orientierung und Struktur gebenden Farben und Formen gehalten, so geht der Veranstalter diesmal mit einem Schatzkarten-Layout an den Start. Das sieht erstmal super hübsch aus. Das Auge erfreut sich nach so vielen Jahren sehr gerne an einer neuen Optik. Jedoch leidet die Orientierung auf den ersten Blick unserer Wahrnehmung nach ein Stück weit unter dem komplexeren Design. Cool allerdings: Man kann die Karte im Schatzpiraten-Style als Merch-Artikel käuflich erwerben. Und aus der Perspektive ergibt der Stilwechsel sogar einen Sinn.

Einen ganz besonderen Hinweis verdient auch dieses Jahr das Thema “Panama”. Du fühlst dich unwohl oder unsicher? Jemand verhält sich dir gegenüber unangemessen, und du willst aus der Situation raus? Sprich einfach das Cateringpersonal oder die Ordner an und frage nach “Panama”. Dir wird sofort und unkompliziert geholfen. Wie wir finden, immer noch ein tolles Konzept, das so oder so ähnlich viele Veranstaltungen bereits im Programm haben. Dieses Jahr fällt auf, dass die Thekenbedienungen sogar Sticker am Leib tragen, welche das Angebot bewerben. Der Veranstalter demonstriert damit, dass Sicherheit und ein effektiver Safe Space eine hohe Priorität besitzen. Mehr Info auch auf der offiziellen Homepage.

Für eine gute Zukunft: Nachhaltigkeit

Das beliebte schwarze Festival ist bekannt dafür, auch ökologisch einen möglichst sauberen Fußabdruck zu hinterlassen. Einige Maßnahmen möchten wir hier lobend hervorheben.

Geschlemmt wird auf der Veranstaltung mit reinem Gewissen. Es werden laut Homepage grundsätzlich Mehrwegbecher ausgegeben – Ausnahmen wie Pappbecher am Kaffeestand bestätigen die Regel. Zudem gibt es zugunsten des Tierwohls ein reichhaltiges Angebot an veganen und vegetarischen Köstlichkeiten.

Jedes Jahr beherbergt das M’era Luna rund 25.000 schwarze Seelen. Die wollen natürlich auch irgendwie zum Festivalgelände gelangen. Um unnötige Lärm- und Schmutzbelästigungen zu vermeiden, werden praktische Shuttlebusse eingerichtet. Für passionierte Radler werden Abstellmöglichkeiten für den geliebten Drahtesel angeboten.

Wenn man eine fünfstellige Anzahl an Besuchern zu Gast hat, türmt sich natürlich auch einiges an Müll auf. Um Verunreinigungen zu vermeiden, werden bereits am Empfang kostenlose Müllsäcke für eine saubere Trennung des Unrats ausgegeben. Das Camping-Gelände verfügt darüber hinaus über eine Reihe Recycling-Stationen. Ebenfalls richtig knorke: Für jeden korrekt entsorgten Müllsack spendet der Veranstalter einen Euro an regionale Sozialprojekte.

Aufgefallen ist, dass zumindest unserer Recherche nach keine Kooperation mehr mit Viva con Agua besteht. Die Organisation kümmert sich um saubere Wasserversorgung in bedürftigen Regionen der Welt. Der Hintergrund für die Beendigung der seit vielen Jahren bestehenden Kooperation ist uns nicht bekannt. 

Einen vollständigen Überblick über die Aktionen rund um Nachhaltigkeit und Awareness findet ihr auf der offiziellen Homepage.

Das erwartet euch: Ausblick M’era Luna 2027

Eine gute Zukunft erwartet uns auch beim Anblick der bisher bestätigten Acts für 2027. Nach so einem spektakulären Wochenende freuen wir uns natürlich wahnsinnig auf das nächste Jahr. Vormerken dürft ihr euch schon einmal folgende Rahmendaten:

Datum: 07.-08.08.2027

Ort: Flugplatz Hildesheim-Drispenstedt

Doch das ist nicht alles. Die Veranstalter sind jedes Jahr aufs Neue erstaunlich fix dabei, atemberaubende Headliner für das Folge-Event an Land zu ziehen. Niemand Geringeres als VNV Nation wird das M’era Luna erneut in ein schwarzes Meer aus Emotionen verwandeln – ein ganz besonderes Wiedersehen nach dem Wahnsinnsauftritt von 2024. Ebenfalls ein absoluter Hammer ist die Zusage der Dunkelrocker von Sisters of Mercy. Wir sind uns sicher, die Formation wird alte wie junge Fans begeistern. An der Folkrock-Front dürfen wir von Feuerschwanz und Schandmaul Großes erwarten. Die Elektrosparte wird ebenso spektakulär wie hart & heftig bespielt von Suicide Commando und Diary of Dreams. Den jetzt schon beeindruckenden ersten Ausblick auf das Line-up komplettieren Assemblage 23, Frozen Plasma, Das Ich und Alienare. Die Karten sind bereits im Vorverkauf, also haltet euch ran! Frühbucher werden mit einem attraktiven Preis belohnt.

Danke und bis zum nächsten Jahr!

An dieser Stelle möchten wir einen Dank an die großartigen Menschen aussprechen, die unseren Besuch zu einem wunderbaren Erlebnis gemacht haben.

Danke an den Veranstalter FKP Scorpio für die Akkreditierung und ein einmaliges Festivalerlebnis.

Danke an die Pressezelt-Orga, die uns herzlich aufgenommen und betreut hat.

Danke an die unermüdlichen Security-Mitarbeiter. Wir haben uns wie jedes Jahr sicher und geborgen gefühlt.

Danke an Tilo Wolff und Anne Nurmi von Lacrimosa für die sympathische Begegnung und den mitreißenden Auftritt.

Danke an all die tollen Menschen mit ihren kreativen Outfits, die wir treffen durften. Ihr macht das toll und die Unterhaltungen nach dem Fotoshooting genießen wir jedes Mal sehr.

Danke M’era Luna! Man sieht sich in 2027!

Raaki

ZW-Radio Moderator / Blogger für Konzert-, Alben- und Festivalreviews / Princess Of Fire & Madness - ZW Mitglied seit 2018

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