Review: Monkey Island – Ich will Pirat werden

Gibt es da draußen einen Gamer, der das legendäre Abenteuer von Guybrush Threepwood, der unbedingt lernen möchte, wie man Pirat wird, nicht kennt? Nun, das bin dann wohl ich: Raaki, ZW-Radiomoderator, 33 Jahre alt mit keinerlei Vorerfahrung zu Monkey Island. Ja, Schande über mein Haupt. An den Pranger mit mir – aber bitte nur Tomaten und Salat werfen, faule Eier sind unfair und wie ich gelernt habe, Grog ebenfalls. Andererseits klingt ein ungefilterter Beitrag über den ersten richtigen Berührungspunkt mit dem Monkey Island Franchise in Form eines Theaterstücks doch verlockender als eine Hymne voller Lobpreisungen eines alteingesessenen Fans, oder etwa nicht?

Ein kleines Vorwort zum Bericht

Vorneweg: Ich habe als Hausaufgabe schon fast verpflichtend einen Durchgang des Spielsl von 1990 aufbekommen – und diese bereits bravourös abgeschlossen. Okay, ich habe durch das Theaterstück die Lösungen zu den Rätseln ja bereits gewusst. Besonders das Rätsel mit dem Grog, der sich durch die Humpen frisst, wurde mir oft als schwieriger Kniff beschrieben. 

Bevor wir gleich mit der schonungslos ehrlichen Review zum Theaterstück anfangen, möchte ich ein paar Eckdaten zum Theaterstück liefern. „Monkey Island – Ich will Pirat werden“ wurde bereits vor zehn Jahren das erste Mal auf der Bühne des Steintor-Variaté in Halle interpretiert. Die Neuauflage des Stücks wird vom 2025 gegründeten „Chaos Theater Club e.V.“ produziert – die meisten Darstellerinnen und Darsteller von der ersten Auflage sind auch wieder mit von der Partie – also eine gute Voraussetzung, um den Erfolg von damals zu wiederholen. Kleiner Spoiler: Der Erfolg hat sich schon vor der Aufführung bemerkbar gemacht, denn im September 2027 kehrt „Monkey Island – Ich will Pirat werden“ mit vier Terminen auf die Bühne des Steintor-Variaté zurück. 

Bevor wir endlich in die Review starten, möchte ich noch ein „Dankeschön“ an meine Begleiter richten, Chobmop vom ZW-Team, der in unserer Galerie zum Theaterstück viele gute Bilder hinterlegt hat sowie seinen Kumpel Björn, der mir vor, nach und während des Stücks viele Gags, Szenarien und Mechaniken des Spiels erklärt hat – es war ein toller Ausflug mit euch.

Die harten Prüfungen eines Piratenanwärters

Vorneweg, auch wenn es den vielen Liebhabern und Spielern des Games bekannt vorkommt, werde ich natürlich vom Plot erzählen – zumal das Stück schon wirklich sehr nahe am Spiel war. Allerdings auch nicht jede Szene bis ins kleinste Detail, das würde den Rahmen doch schon sehr sprengen, oder?

Etwa zehn bis fünfzehn Minuten vor Aufführungsbeginn gerät das Publikum zum ersten Mal in Aufruhr. Ein Schauspieler, kostümiert als der fast blinde Lookout von Mêlée Island steht absolut still in der Szenerie des Aussichtspostens. Nach dem liebevoll auf dem Klavier gespielten Intro wird die disziplinäre Körperhaltung allerdings plötzlich gestört, als unter Applaus der ikonische Titelheld der Reihe, Guybrush Threepwood in die Szenerie stolpert – inklusive des Buchhalter-Running Gags. Nachdem er zur Scumm-Bar geschickt wurde, interagiert er mit den dort feiernden Piraten und wird schließlich zu den drei Piratenanführern geschickt. Motiviert nimmt Guybrush die Herausforderung an, drei Prüfungen abzulegen: Der Kampf gegen die Schwertmeisterin, die Schatzsuche und der Diebstahl.

Erinnert ihr euch daran, wie ihr es im Spiel geschafft habt, in die Küche der Scumm-Bar zu sneaken, um dort die ersten Gegenstände für euer Inventar zu besorgen? Nun, im Stück wurde dies liebevoll umgesetzt: Nachdem Guybrush mehrfach vom umher laufenden Koch der Bar intensiv darauf hingewiesen wurde, die Küche nicht zu betreten, schafft er es in dem Moment, als der Smutje die Szenerie auf der linken Seite der Bühne für kurze Zeit verlässt. In der Küche bekommt er die ersten Gegenstände für das liebevoll improvisierte „Inventar“ in Form eines Regals am linken Bühnenrand: Einen kleinen Kochtopf, ein Stück Fleisch und den berühmten „Red Herring“, der (wie im Spiel) durch das mehrfache Aufscheuchen der Möwe, aufgenommen werden kann.

Geld ist der Schlüssel, um das nötige Equipment für die Prüfungen zu erlangen. Also stolpert der tapsige Guybrush in den Zirkus der Fettucini-Brothers, die sich darüber streiten, wer die menschliche Kanonenkugel vorführen soll. Nachdem Guybrush seine Hilfe anbietet und den vorher eingesammelten Topf als Helm benutzt, bekommt er eine hübsche Summe Gold als Belohnung. Notiz am Rande: Der Schuss mit der Kanone wurde überaus humorvoll dargestellt, indem ein Statist ein Requisit in Form eines kleinen Guybrushs von der einen Seite der Bühne auf die andere beförderte.

Mit dem neu erlangten Reichtum kauft sich Guybrush in einem Gemischtwarenladen ein Schwert für den Kampf und eine Schaufel, um später den Schatz auszugraben. Der Händler weiß glücklicherweise auch den Weg zur Schwertmeisterin. Abgelenkt durch die „Hundsschlafblume”, die er in das Regal-Inventar legt, verliert der Held jedoch die Spur des Händlers und trifft auf einen Troll. Der Troll wird mit dem in der Scumm-Bar aufgenommenen roten Hering bestochen, schon die Publikumsreaktion hierzu zeigt mir, wie ikonisch diese Szene sein muss.

Ebenfalls entzückt ist die Menge über die ausgesprochen ausführlich dargestellte Lernstunde im Beleidigungsfechten mit Captain Smirk. Zum Zeitpunkt der Aufführung war mir noch nicht bewusst, warum zunächst banal klingende Beleidigungen anstelle von brachialer Schwertkampfaction im Fokus standen. Ich habe allerdings in den folgenden Szenen schnell den Charme des „Beleidigungsfechtens“ erkannt und mich über die wiederkehrenden Sprüche wie „Du kämpfst wie ein dummer Bauer!“ – „Wie passend. Du kämpfst wie eine Kuh!“ amüsiert. Als Guybrush die Schwertmeisterin, welche besonders kreative Sprüche auf Lager hat, besiegt und sein T-Shirt an sich nimmt, geht es zurück zu den Piratenanführern. Das T-Shirt, welches den Schatz darstellt, ist dank der Karte eines „NPC“ aus dem Dorf schnell gefunden.

An dieser Stelle auch ein Lob an die kreativ (und sehr lustig) dargestellten Tiere in Form von Schildern, die von einer Schauspielerin getragen wurden – denn die Szene mit den improvisierten Hunden ist mir tatsächlich hängen geblieben. Durch eine Kombination aus Fleisch und der allessagenden „Hundsschlafblume“ sind die Hunde ausgeschaltet und der Diebstahl in der Gouverneursvilla kann beginnen. Nach einer comic-like dargestellten Tracht Prügel besteht Guybrushs Lohn lediglich aus einem Spray gegen Ungeziefer, das Diebesgut bleibt ihm vorerst verwehrt. 

Die Lösung ist ein Gefangener, der das nötige Werkzeug, eine Feile, in einem Kuchen hat. Ein applaudierendes Publikum, welches Otis begrüßt. Nachdem das Schutzmittel gegen Ungeziefer und ein zuvor im Gemischtwarenladen erworbenes Pfefferminzbonbon das Leiden von Otis erträglicher macht, erhalten wir besagten Kuchen. Die darauf folgende, lange Cutszene des Spiels in der Gouverneurin Elaine Guybrush helfen möchte, wird theatralisch sehr gut erzählt. Auch die anschließende Szene unter Wasser, bei der Guybrush sich von der Statue, an der er festgebunden wird, lösen muss. Übrigens: Der Diebstahl ist damit gelungen. Nach einem Besuch bei den Piratenanführern hat sich Guybrush als Pirat bewiesen.

Nun braucht Guybrush schnell ein Schiff und eine Mannschaft, denn die Gouverneurin, mit der er in der letzten „Cutszene“ eine sehr schnell verlaufende Romanze beginnen wollte, wurde vom Geisterpiraten LeChuck entführt. Nachdem er den Voodoo-Laden aufgesucht und dort das Gummihuhn mit Kurbel mitgenommen hat, kann er zur Nachbarinsel Hook Island, um sein zweites Crew-Mitgleid zu bekommen. Die Schwertmeisterin als erstes Mitglied war schnell überzeugt. Bei Meathook wird es etwas schwieriger, Guybrush muss vorab ein schreckliches Monster, das sich als eingesperrter Papagei entpuppt, streicheln – okay, so schwierig war es wohl doch nicht. Die anspruchsvollste Rekrutierung stellt sich nämlich als Otis dar. Der Gefangene muss befreit werden und wer das Spiel gespielt hat (und ich inzwischen auch), weiß, dass es sich dabei wohl um eines der schwierigsten Rätsel handelt. Wer gut aufgepasst hat, dem ist durchaus bewusst, dass der Grog sich als ätzend herausstellt – also perfekt, um das Schloss zu öffnen. Nachdem Guybrush die Krüge der Scumm-Bar aufgenommen hat und Szene für Szene den Grog in einen neuen Krug geschüttet hat, kann er das Schloss schmelzen.

Eine Crew ist nichts ohne ein Schiff! Daher besucht Guybrush unter fast tosendem Applaus den Schiffshändler Stan, bei dem er nach viel Feilscherei ein etwas baufälliges Schiff erwirbt, welches gerade so für den Trip nach Monkey Island zur Rettung der Gouverneurin reicht. Nach ca. 90 Minuten Schauspiel setzt vor dem Aufbruch auf die Pause ein.

Der zweite und kürzere Part des Stücks beginnt an Deck des Schiffs, auf dem die frisch angeheuerte Crew lieber in der Sonne badet, als Guybrushs Bemühen weiter zu unterstützen. Verärgert, aber nicht minder motiviert, versucht der Pirat dennoch, Monkey Island zu erreichen. Des Umfangs wegen ist die Zutatensuche für die Suppe, mit deren Hilfe man Monkey Island finden kann, ein wenig kompakter als im Spiel. Die Zutaten findet Guybrush ohne viele Szenenwechsel. In der richtigen Reihenfolge kombiniert, hauen die Dämpfe den jungen Piraten regelrecht um. Nachdem er wieder zu sich kommt, sieht er Monkey Island und kann mithilfe seines Topf-Helms und der an Bord befindlichen Kanone seinen Zirkustrick wiederholen und an Land gehen.

Nachdem Guybrush auf Monkey Island weitere Rätsel lösen musste, inklusive die Beschwichtigung der Einheimischen und dem gestrandeten Herman Toothrot, welche gemeinsam mit LeChuck die Insel mit Notizzetteln in ein bürokratisches Wirrwarr verwandelt haben. Als nächstes soll Guybrush die magische Wurzel besorgen, um ein Spray herzustellen, mit dem man Geister austreiben kann – dazu muss er auf das Geisterschiff, in dem er mit dem gigantischen Ohrenstäbchen das Ohr des steinernen Affenkopfes reinigt. An dieser Stelle werden einige der Rätsel ein wenig vernachlässigt dargestellt, zum Beispiel die Rätselreihe um die Party auf dem Geisterschiff, welche kurz, dafür aber liebevoll dargestellt wurde (und mit „Drunken Sailor“ als musikalischer Background für den Ohrwurm der Woche gesorgt hat).

Zurück auf Mêlée Island, wo LeChuck die Gouverneurin heiraten möchte, kämpft Guybrush mithilfe des Abwehrsprays gegen mehrere Geisterpiraten von LeChucks Mannschaft. In der Kirche erhebt unser Held Einspruch und kann die Hochzeit mithilfe des Sprays verhindern und das vorläufige Happy End der Story besiegeln – mit einer romantischen Abschlussszene. Abgeschlossen wird die Darbietung mit den Worten aus dem Spiel „Bezahle niemals mehr als 20 Bucks für ein Computerspiel“ – vermutlich aufgrund der aktuellen Preisentwicklung allerdings auf 50 erhöht.

Ein kleiner Absatz zur Schauspielkunst & Mechanik des Stücks

Da im Originalsspiel von 1990 keine Voice-Synchro stattgefunden hat, war die Interpretation der Charaktere in Bezug auf ihre Stimme sehr frei. Nun, da „Monkey Island – Ich will Pirat werden“ mein erster richtiger Berührungspunkt mit dem Franchise war, muss ich gestehen: Ich habe das Spiel zum ersten Mal mit den Stimmen der Schauspieler im Ohr nachgespielt. Und genau das war mir eine Freude.  Die Darbietung war gut, emotional und an den passenden Stellen humorvoll. Dabei hat auch die Stimmfarbe der einzelnen Charaktere gut auf das Aussehen gepasst. Besonders charmant empfand ich die Einbindung von verschiedenen (deutschen) Dialekten, um die Variation etwas zu erhöhen. So sprach Otis mit einem schönen Berliner Dialekt und einer der Einheimischen von Monkey Island mit schön krachendem Schweizerdeutsch. Meathook hatte eine sehr treibende, tapsige Stimmfarbe. Das ist hiermit auch ein großes Lob an den Cast, der es geschafft hat, Figuren ohne Stimmvorgabe so liebevoll Leben einzuhauchen.

Auch das Bühnenbild hat einen sehr guten Eindruck hinterlassen und den Charme des Pixel-Spiels dank insgesamt sechs großen Monitoren, die jeweils zu dritt auf beiden Seiten der drehbaren Bühne aufgestellt waren, dargestellt. Die Hintergründe aus den Spielen haben die Szenerie modern und gleichzeitig nostalgisch untermalt. Die Drehbühne war übrigens die Grundlage dafür, die vielen Szenenwechsel unglaublich smooth und schnell zu bewältigen. Bei den weiteren Requisiten war das Motto: Weniger ist mehr – und genau so war es gut. Die einzelnen Bestandteile waren schnell getauscht und wirkten zwar nicht mega realistisch, aber fast schon minimalistisch improvisiert, was auch den Charakter des Spielprinzips auf eine besondere Weise unterstrichen hat.

Eine kurzes Wort noch zur musikalischen Untermalung des Spiels. Die Musik, im Game von Michael Land interpretiert, trug schon in den frühen 90ern maßgeblich zur Spielerfahrung bei. Während des Stücks wurden die musikalischen Einschübe liebevoll am Klavier gespielt, hier und da eingesetzt – allerdings nicht durchgehend das ganze Stück über.

Das Fazit zu „Monkey Island – Ich will Pirat werden“

Um es kurz zu fassen: Ich bin als „Ersatzperson“ für Zwischen-Welten gemeinsam mit unserem Fotografen Chobmop, der die tollen Bilder in der Galerie und hier in diesem Beitrag geschossen hat, nach Halle gefahren. Ich hatte keine Vorkenntnisse zum Spiel, ich wusste nicht, was mich erwartet. Aber ich wurde vor allem positiv überrascht, hatte viel zu lachen und insgesamt etwas über drei Stunden (mit Pause) Piratenaction. Es war ein gelungener Ausflug, der mich auch dazu motiviert hat, mir die Fortsetzungen der Story um Guybrush Threepwood vorzunehmen.

Alle Bilder in diesem Beitrag unterliegen dem Copyright. Alle weitere Nutzung und Bearbeitung muss mit Zwischen-Welten Mitglied und Fotograf Paul Schaedel/Schaedel Medien abgesprochen werden.

Über Raaki

ZW-Radio Moderator / Blogger für Konzert-, Alben- und Festivalreviews / Princess Of Fire & Madness - ZW Mitglied seit 2018